Dass Ideengeschichte und politische Theorie zusammengehören, drückt sich nicht nur in den gängigen Denominationen von Lehrstühlen an deutschen Universitäten aus. Auch in der wissenschaftlichen Diskussion ist der Zusammenhang verschiedentlich beschrieben worden, etwa als Archiv (Ideengeschichte als Entstehungskontext politischer Theorien) oder als Arsenal (politische Theorie ist nur durch einen Rückgriff auf Ideengeschichte denkbar) (vgl. Marcus Llanque: Politische Ideengeschichte. Ein Gewebe politischer Diskurse, München 2008: Oldenbourg). In letzter Zeit häufen sich Forschungen, die darüber hinaus eine genuin politische Geschichte politischen Denkens schreiben. So ist z.B. das Marx’sche Denken zunehmend nicht distanziert theoretisch, sondern konkret als „Kritik im Handgemenge“ betrachtet worden (Matthias Bohlender, Anna-Sophie Schönfelder und Matthias Spekker [Hg.]: ‚Kritik im Handgemenge‘. Die Marx’sche Gesellschaftskritik als politischer Einsatz, Bielefeld 2018: Transcript). Auch Hannah Arendts widersprüchliches Ringen um eine der Pluralität verpflichtete politische Theorie erscheint in solch einer Perspektive als „Streit“ (Juliane Rebentisch: Der Streit um Pluralität. Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt, Berlin 2022: Suhrkamp). Und kulturkritische Anstrengungen französischer Theorien können sich mit einem derartigen Zugriff geradezu als (post-)koloniale Geopolitik erweisen (Vgl. Onur Erdur: Schule des Südens. Die kolonialen Ursprünge der französischen Theorie, Berlin 2024: Matthes & Seitz).
Der am 2. und 3. Juli 2026 stattfindende Workshop bringt Wissenschaftler:innen zu den drei genannten politischen Theorien von Karl Marx, Hannah Arendt und Michel Foucault zusammen, die sich zuletzt um die Rekonstruktion von deren Politiken oder ihrer politischen Kontexte bemüht haben. Ziel ist es, durch die Einblicke in die verschiedenen Forschungen zugleich übergreifende methodische und theoretische Probleme herauszuarbeiten und zu diskutieren.
Organisation: Kolja Lindner (Maître de conférences in politischer Theorie an der Universität Paris 8 und 2025-26 DAAD-Gastdozent am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin)
Unterstützung: Centre Marc Bloch Berlin, Forschungsgruppe „Les mondes allemands : histoire des idées et des représentations“ der Universität Paris 8, Frankreich-Zentrum der Freien Universität Berlin
Zeit: 2.7.26 (9-18h) bis 3.7. (9.30h-18.30h)
Donnerstag, 2. Juli 2026
9h-9.30h: Ankunft und Begrüßung
9.30-10h: Kolja Lindner (Paris/Berlin): Einleitung: Politische Ideengeschichte
10h-12h: Karl Marx 1
Matthias Bohlender (Osnabrück): „Die Marxsche Kritik im Handgemenge“
Anna-Sophie Schönfelder (Gießen): „Karl Marx als Gegenwartsjournalist. Kommentare unterm Brennglas der Revolution“
12-13.30h Mittagspause
13.30h-15.30h Karl Marx 2
Michael Heinrich (Berlin): „Karl Marx im Kontext: die Politik biographischer Konstruktion“
Wulf-Dietmar Hund (Hamburg): „Karl Marx im Wilden Westen. Von der Kritik im Handgemenge zur Lehnstuhl-Anthropologie“
15.30h-16h Kaffeepause
16h-18h Hannah Arendt 1
Ingo Kieslich (Berlin): „Arendts Auseinandersetzung mit Marx: Fragmente eines Buches“
Nicolas Schneider (Lüneburg): „‚Verachtung der Geschichte‘: Reiner Schürmann über Hannah Arendt“
Freitag, 3. Juli 2026
9h-11.30h Hannah Arendt 2
Grit Straßenberger (Bonn): „Politische Theorie als Intervention: Arendt als Public Intellectual“
Stefania Maffeis (Dresden): „Hannah Arendt: Kritik des Nationalstaates und transnationale politische Theorie“
11.30h-12h Kaffeepause
12h-13h Michel Foucault 1
Onur Erdur (Berlin): „Michel Foucault in Tunis: Die Formierung eines politischen Intellektuellen“
13h-14.30h Mittagspause
14.30h-16.30h Michel Foucault 2
Thomas Biebricher (Frankfurt/M.): „Der geistesgeschichtliche Kontext von Foucaults Gouvernementalitätsvorlesungen“ (online)
Kolja Lindner (Paris/Berlin): „Iranische Revolution und Gouvernementalität bei Foucault“
16.30h-17h Kaffeepause
17-18.30h Fazit und Abschlussdiskussion
Bernd Ladwig (Berlin)
Zeit & Ort
02.07.2026 - 03.07.2026
Centre Marc Bloch (Germaine Tillion Saal)
Friedrichstraße 191, 10117 Berlin

