Ringvorlesung | Räume, Objekte, Dokumente der Erinnerung. Familiengeschichte(n) zwischen Literatur und Geschichte
Eine Ringvorlesung des Frankreichzentrums der Freien Universität Berlin im Rahmen des Offenen Hörsaals
Konzeption: Prof. Dr. Michael Goebel (Friedrich-Meinecke-Institut) und Prof. Dr. Ulrike Schneider (Institut für Romanische
Philologie)
In jüngerer Zeit ist die Familie zu einem zentralen Schauplatz historischer und literarischer Selbstverständigung geworden. Während die Geschichtsschreibung die Familie lange als vermeintlich private, politikferne Sphäre marginalisierte, hat sich seit den 1970er Jahren ein grundlegender Perspektivwechsel vollzogen: Familie erscheint als ein Ort, an dem sich gesellschaftliche Transformationsprozesse, historische Brüche und kollektive Erfahrungen in besonderer Weise verdichten. Die Geschichtswissenschaft zeigt aktuell Aufmerksamkeit für Familienarchive, persönliche Zeugnisse und genealogische Recherchen, die individuelle Biographien mit breiteren gesellschaftlichen Entwicklungen verbinden. Aus Frankreich wenden sich Historiker:innen– im Sinne einer Ego-Histoire – vermehrt auch ihrer eigenen Familiengeschichte zu. Parallel dazu hat die Literatur, insbesondere im französischsprachigen Raum, eine Form des Erzählens geprägt – oft gefasst als récit de filiation – in der die Suche nach Herkunft, Leerstellen und familiären Verflechtungen selbst zu einer Praxis historischer Erkenntnis wird.
Die Ringvorlesung am Frankreichzentrum greift diese Konjunkturen aus einer spezifischen Perspektive auf: Räume, Objekte und Dokumente dienen als heuristische Impulse, um Familiengeschichten zwischen Literatur und Geschichte zu erschließen. Der Dachboden, das Fotoalbum, die Postkarte, die Küche, der Pass fungieren als Speicher, Auslöser oder Symbol und strukturieren zugleich die Narrative der Erinnerung. In ihnen verdichtet sich oftmals das Familiengedächtnis: Sie machen sichtbar, was erzählt werden kann, und verweisen zugleich auf das, was fehlt, verschwiegen wird oder verloren ist.
Die Vorlesung bringt literaturwissenschaftliche, historische und soziologische Perspektiven miteinander ins Gespräch. Im Zentrum stehen Werke und Forschungsprojekte, die familiäre Archive, mündliche Überlieferungen und materielle Zeugnisse als Zugang nutzen. Dabei wird Familie als dynamische Kategorie und als Knotenpunkt verstanden, an dem sich individuelle Lebensgeschichten mit größeren historischen Dynamiken verschränken und Normen der Institution ‚Familie‘ selbst in Frage stellen. Ein besonderer Fokus liegt auf transnationalen Konstellationen, insbesondere im deutsch-französischen Kontext: Migration, Krieg, Kolonialismus, Shoah, politische Gewalt oder Diskriminierung erscheinen hier nicht als abstrakte Großnarrative, sondern als Erfahrungen, die sich in Familien einschreiben, über Generationen weitergegeben, transformiert oder auch verschwiegen, überschrieben werden. Indem die Ringvorlesung unterschiedliche Formen des Erzählens und Forschens über Familie zusammenführt, fragt sie danach, wie Familiengeschichte(n) zu einem Medium werden, in dem sich
Vergangenheit nicht nur niederschreiben und bewahren, sondern auch befragen und neu interpretieren lässt.
Die Ringvorlesung richtet sich an Studierende, Kolleg*innen und eine interessierte Öffentlichkeit. Sie wird im Rahmen des Offenen Hörsaals veranstaltet. Die Vorträge finden in Präsenz statt und werden online übertragen. Die französischsprachigen Beiträge können über Webex in der deutschen Simultanübersetzung mitverfolgt werden.
Ringvorlesung | Michael Goebel & Ulrike Schneider (FU Berlin): Räume, Objekte, Dokumente der Erinnerung. Familiengeschichte(n) zwischen Literatur und Geschichte. Einführung.
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Michael Goebel (FU Berlin): Geteiltes Erbe: Holocaust und Familiengeschichte
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Christopher Neumaier (Potsdam): „Das Haus“ – christlich-bürgerliche Kernfamilie – Lebensform: Wandel der Familienleitbilder und -beziehungen im Deutschland des 20. Jahrhunderts
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Marie Jacquier (Berlin): Repas de famille/Album photos – Familienrituale und gesellschaftlicher Wandel in Annie Ernaux' Les Années (2008)
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Marie Schröer (Potsdam): Albums de famille. Kindheitssammlungen und -konstruktionen bei Catherine Meurisse und Marjane Satrapi
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Annika Nickenig (Berlin): Falsche Erinnerung, fehlende Zukünftigkeit. Transkulturelle Familienkonstellationen zwischen Fotografie und Erzählung bei Marie NDiaye
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Lecture-débat: Migration erinnern. Vietnamesische Familiengeschichten aus Deutschland und Frankreich
Lesung und Gespräch mit Doan Bui ( Le silence de mon père , 2016; dt. D as Schweigen meines Vaters , 2018) und Thị Thanh Thảo Trần ( Menschen wie wir , 2026) Moderation: Marie Jacquier
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Laure Murat (Los Angeles): La fiction des origines
Lesung und Gespräch mit Laure Murat zu: Proust. Un roman familial (2023; dt. Proust. Familienroman, 2025) Moderation: Jürgen Ritte (Université Sorbonne Nouvelle - Paris 3)
Ringvorlesung | Mariana Eva Pérez (Berlin/Buenos Aires): Spectral Archives: Objects, Performance, and the Memory of Enforced Disappearance in Argentina
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
Ringvorlesung | Ulrike Schneider (Berlin): Zerschnittene Photos: Von Träumen, Gewalt und Schweigen bei Laurent Mauvignier
Ort: Hörsaal 1a (Rostlaube) Gebäudekomplex Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin
