Navigation/Menü: Links auf weitere Seiten dieser Website sowie Banner
Medialität – Transmedialität – Narration:
Perspektiven einer transgenerischen und transmedialen Narratologie
(Film, Theater, Literatur)
DFG-gefördertes Forschungsprojekt
Projektleiterin: Jun.-Prof. Dr. Irina Rajewsky
Institut für Romanische Philologie / Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien, Freie Universität Berlin
Projektdarstellung:
Ausgangspunkt des Projekts ist die in der Forschung nach wie vor umstrittene Frage nach dem narrativen Status und spezifischen Erzählmodus des Films, speziell des fiktionalen, sog. 'narrativen' Spielfilms. Das Kernproblem, an dem die einschlägigen Ansätze auseinanderdriften, liegt dabei in der Frage nach einer gegebenen oder nicht gegebenen Mittelbarkeit filmischen Erzählens begründet, d.h. in der Frage, ob für den Film eine Erzählinstanz anzusetzen ist oder nicht.[1] Bereits die Tatsache, dass diese Frage seit Jahrzehnten Kontroversen und offenkundig Probleme aufwirft, deutet insgesamt auf eine Problemstellung hin, die sich herkömmlichen Ansätzen zu einer gegebenen oder nicht gegebenen Erzählervermitteltheit medialer Darstellungsformen entzieht bzw. mit diesen allein nicht überzeugend gelöst werden kann. Das filmische Medium scheint in seiner Komplexität diesbezüglich widerständig.
Hieraus ergibt sich die Gesamtanlage des Projekts. Die Frage nach dem filmischen Erzählmodus dient dem Projekt als Ausgangspunkt für eine umfassende Revision und Problematisierung grundlegender Annahmen und etablierter Konzepte der Erzählforschung, wie sie nicht nur in der ‘klassischen‘, sondern in jüngerer Zeit auch in der sog. ‘post-klassischen‘ Narratologie vertreten und gemeinhin in keiner Weise hinterfragt werden. Zentral werden hier insbesondere die traditionsreiche Unterscheidung zwischen Diegesis und Mimesis sowie hieraus abgeleitete 'Basis-Konzepte' der Erzählforschung – etwa telling vs. showing, das Konzept der Episierung im Drama und nicht zuletzt der Begriff der (erzählerischen) ‘Vermittlung‘ selbst –, denen anhand i.e.S. narrativer und dramatischer Texte, theatraler Aufführungssituationen und schließlich anhand des Films nachgegangen wird.
Angesiedelt ist das Projekt somit im Bereich einer transgenerischen und transmedialen Narratologie: ein transdisziplinär, gattungs- und medienvergleichend angelegter Zweig der Erzählforschung, der sich erst in den letzten Jahren als eigenständiger herauszubilden beginnt und für den im Rahmen des Projekts, in Abgrenzung zu derzeit verbreiteten Tendenzen in diesem jungen Strang der Erzählforschung, neue Grundlagen formuliert werden. Zentrales Anliegen ist es hierbei, den Blick für die Relevanz generischer Konventionen und medialer Spezifika im Bereich der Erzählforschung zu schärfen. Das Potential einer transgenerischen und transmedialen Forschungsperspektive wird mit anderen Worten darin gesehen, dass im Gattungs- und Medienvergleich nicht nur Gemeinsamkeiten (so die in diesem Forschungszweig derzeit vorherrschende Praxis), sondern gerade auch Differenzen zwischen diesen deutlich werden bzw. besonders prägnant herausgearbeitet werden können.[2] Ein besonderes Augenmerk des Projekts liegt insofern auf der Medialität und damit zugleich auf der Materialität künstlerischer Praktiken, wodurch verschiedene Aspekte hervortreten, denen in der Forschung bisher kaum Beachtung geschenkt wurde. Ziel des Projekts ist es gerade in diesem Zusammenhang, bestimmte Grundannahmen der ‘klassischen‘ und ‘post-klassischen‘ Narratologie in ihrer vermeintlichen narratologischen Allgemeingültigkeit zu relativieren, indem diese in ihrer (schrift‑)sprachlichen Verankerung offengelegt werden. Damit geht auch der Versuch einher, zwei Theoriehorizonte, wie sie sich paradigmatisch in der Gegenüberstellung von 'Text-Modell' und 'Performance-Modell' abzeichnen, miteinander zu vermitteln und zugleich in ihrem Spannungsverhältnis zu fokussieren. Hierbei soll die Aufmerksamkeit nicht zuletzt auf die je historische und medial gebundene Verankerung erzähltheoretischer Konzepte, mithin auf die Historizität und Indexikalität der Theoriebildung selbst gelenkt werden.
Auf der Basis der skizzierten Aspekte ergeben sich weitreichende Konsequenzen für die Erzählforschung im Allgemeinen und für eine Narratologie des Films und des Theaters im Besonderen. Dabei werden für das Projekt insgesamt, neben den oben genannten erzähltheoretischen Konzepten, insbesondere auch Kategorien wie die der Fiktionalität und der Illusionsbildung relevant. Der Gesamtanlage des Projekts gemäß, werden auch diese (wie zudem auch spezifische Einzelphänomene, etwa Schwellen- und Metaphänomene oder auch sog. 'Realitätseffekte' in Film, Theater und Literatur) in ihren je medienspezifischen Realisationsformen und genretypischen Ausprägungen fokussiert, wobei offenkundig zugleich habitualisierten Wahrnehmungsmustern und ganz allgemein wirkungs- bzw. rezeptionsästhetischen Aspekten eine zentrale Rolle zukommt, die freilich auch ihrerseits in ihren generischen und medialen Bedingtheiten zu reflektieren sind.
[1] Die Frage, ob dem Film eine Erzählervermitteltheit zuzuschreiben ist oder nicht, ist trotz einer gerade in jüngerer und jüngster Zeit boomenden Erzählforschung nach wie vor weder in hinreichender noch überzeugender Weise geklärt, wie sich anhand einer Vielzahl (auch neuester) einschlägiger Beiträge ablesen lässt, die diese Frage in immer wieder anderer Weise beantworten. Dies gilt zumindest dann, wenn man, im Unterschied etwa zu neo-formalistischen Filmtheorien im Sinne David Bordwells, eine kommunikationstheoretisch fundierte narratologische Perspektive nicht gänzlich aus den Augen verlieren möchte. — Angemerkt sei, dass hier mit der Frage nach einer Erzählinstanz im Film nicht auf voice over-Techniken abgehoben wird. Diesbezüglich lässt sich in Bezug auf den Film fraglos von einem 'Erzähler' sprechen, dessen Status, Verfügungsmächtigkeit und Rolle im Gesamtvermittlungsprozess freilich zu spezifizieren bleibt. Virulent wird hier vielmehr die sehr viel grundlegendere Frage, ob das filmische Erzählen generell als ein (Erzähler-)vermitteltes auszuweisen ist oder nicht. Einer solchen etwaig anzusetzenden 'Erzählinstanz' muss keineswegs notwendigerweise ein anthropomorpher Status zukommen; in einer Vielzahl diesbezüglich einschlägiger Beiträge werden, ganz im Gegenteil, Erzähl- oder auch implizite Autorinstanzen veranschlagt, die ganz dezidiert nicht anthropomorph konzeptualisiert sind.
[2] Eine solche Position geht mit einem Umdenken hinsichtlich der Setzung von Differenzen und Grenzen zwischen einzelnen Gattungen und Medien bzw. medialen Artikulationsformen einher, das darauf zielt, von deren Auffassung im Sinne statischer Taxonomien zum dynamischen und kreativen Potential der Grenze selbst zu gelangen, zu einer Auffassung also, die die Grenze in ihrer Qualität als Ermöglichungsstruktur fokussiert, als eine Struktur, die Spielräume schafft.
Der gesamt Text als pdf zum Download.