Muster

In seiner bahnbrechenden Studie über The Prosodies of Free Verse von 1971 unterschied Donald Wesling fünf verschiedene prosodische Typen in der Geschichte der free verse prosody:

  1. Whitmanic, referring to Whitman's adaptation of "the biblical verset and syntax" in "end-stopped lines .., .with boundaries so often equivalent to those of larger units of grammar," which Wesling sees as "constitut[ing] the precomposition or matrix of free verse in English" (166-67); 
  2. "line-sentences," as developed by Pound in Cathay on the basis of Ernest Fenollosa's theories of the sentence derived from study of Chinese; 
  3. dismemberment of the line, whereby the line becomes "ground to the figures of its smaller units" (181), and, as a sub-category, spatial dismemberment of the line by indentation, as by Williams in his triadic line verse; 
  4. systematic enjambment, whereby "[t]he lines.., .are figures on the ground of the larger unit, the stanza" (181); 
  5. dismemberment together with enjambment of the line, such that "the middle units on the rank scale engage in a protean series of identity shifts as between figure and ground." (181)

In Anlehnung an diese von Wesling in späteren Arbeiten erweiterten Typologie unterscheiden wir 17 rhythmische Muster anhand der folgenden vier Mustertypen:

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Rhythmische Muster

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Die Langzeilenpoetik wurde von Walt Whitman in Anlehnung an die Psalmen in der King-James-Bibel entwickelt, von Alan Ginsberg in Howl übernommen und fand in der einflussreichen Theorie des langen Gedichtes (Höllerer) eine Entsprechung. Häufig ist der Langzeiler mit einer end-stopped-line verbunden.

Beispiel

Die Kadenz ist eine in der Prosodie der US-amerikanischen Imagisten (Fletcher, Hulme, Pound, Lowell) entwickelte Form, deren Grundidee darin besteht, dass jede Zeile einem Atembogen entspricht: Pounds Grundlage in Cathay ist dafür der sogenannte "line-sentence". Sie war bis hin zur Lyrik von Hans Magnus Enzensberger, Nicolas Born oder Jürgen Becker einflussreich.

Beispiel

Der variable Versfuß wurde von William Carlos Williams in seinem Mammutwerk "Patterson" entwickelt und basiert auf der Idee, dass jede Zeile genau einem Atembogen entspricht. Im Unterschied zu Kadenz entspricht die Länge der Zeile dabei einem Kolon, es ist also eine isokolische Figur.

Beispiel

Der 'sprung rhythm' bzw. Sprungrhythmus wurde von Gerard Manley Hopkins entwickelt. Er entsteht, wenn der Versfuß als eine betonte Silbe von unbetonten Silben gefolgt wird, deren Anzahl von null bis in der Regel drei gehen kann. Dieser unregelmäßige, prosanahe Rhythmus unterscheidet sich von der Kadenz dadurch, dass hier die unbetonten Silben frei variiert werden können - bei der Kadenz können dies auch die betonten Silben.

Die Synkope wurde in der Prosodie der early Jazz Poetry von Dichtern wie Langston Hughes entwickelten und bezeichnet grundsätzlich einen betonten Offbeat. Dieses Muster kann in der Phrasierung natürlich extrem beschleunigt werden, wie etwa HipHop-Poeten und Poetry Slammer wie Bas Böttcher zeigen.

Beispiel

Das Parlando ist ein der Litanei vergleichbares Sprachlied, das in Gedichten von Benn, Rühmkorf oder Kolbe verwendet wird. Im Unterschied zur Kadenz gilt nicht immer die Regel der 'breath controlled line'.

Beispiel

Das Enjambement kennzeichnet die Lyrik von Mallarmé, Cummings oder T.S. Eliot und findet sich in ähnlich radikaler Form auch bei Autoren wie Celan, Mayröcker, Wühr oder Kling. Hervorzuheben ist dabei das insbesondere von Lyrikern der ehemaligen DDR verwendete Verfahren, die das Enjambements im Vortrag betonen: Eine auf Bertolt Brechts Überlegungen zum „gestischen Rhythmus“ zurückgehende Besonderheit.

Beispiel

Das Enjambement ist ein Zeilensprung, bei dem eine Satz- oder Sinneinheit über das Ende eines Verses hinaus auf den folgenden Vers übergreift. Die meisten Autoren lesen die Zeilensprünge nicht.

Beispiel

Der Stakkato-Rhythmus ist eine abrupte, abgelöste und abgehackte Intonation im Stile von Walter Mehring, John Berryman, Thomas Kling, Ginka Steinwachs oder Michael Lentz.

Beispiel

Die lettristische Dekompositionen ist eine atomistische Zerlegung der Sprache in ihre kleinsten und nicht weiter teilbaren Einheiten sowie die Rekombination dieser Einzelelemente, so etwa bei Valeri Scherstjanoi, Gerhard Rühm, Ernst Jandl, Hans G Helms, Franz Mon, Oskar Pastior, und Michael Lentz.

Beispiel

Die phonetische Dekomposition meint eine Zerlegung von Wörtern in Laute, etwa bei den Dadaisten oder Autoren wie Ernst Jandl, Valerie Scherstjanoi, Franz Mon, Gerhard Rühm oder Michael Lentz.

Beispiel

Ellipsen bezeichnen die Auslassung von einem oder mehreren grammatisch notwendigen Satzgliedern. Diese an sich rhetorische Figur kann sich auch auf die Prosodie eines Gedichtes auswirken, was seit den Dadaisten in der Lyrik zu beobachten ist.

Beispiel

Die „cut-up-Technik“ ist eine stark zitathafte prosodische Form, die von den New York Poets entwickelt und beispielsweise von Rolf-Dieter Brinkmann oder Paul Wühr adaptiert wurde. 

Beispiel

Die freie Assoziation beschreibt die Prosodie der écriture automatique surrealistischer Autoren wie Breton, Éluard, Desnos und Soupault, die in der deutschsprachigen Lyrik von Hans Arp über Friederike Mayröcker bis hin etwa zu Richard Anders reicht.

Beispiel

Der Begriff Flow bezeichnet in der „rappenden“ Prosodie der Slam Poetry die Fähigkeit, gereimte Sprache rhythmisch gekonnt zu gestalten. Dieses Prinzip des Flow wurde in der Lyrik von Nuyorican-Poets wie Maggie Estep, Dana Bryant, Sekou Sundiata oder Amir Sulaiman entwickelt und reicht bis hin zu deutschen Rap-Poeten wie Bas Böttcher.

Beispiel

Die Permutation meint die Umstellung oder Vertauschung von Wörtern oder Satzteilen bzw. eine fortschreitende  Kombination und Neuanordnung von sprachlich-semantischen Elementen eines Gedichtes.

Beispiel

Dialektgedichte zeichnen sich dadurch aus,  dass sie die spezifische Mundart einer bestimmten Region verwendet, so etwa bei Axel Karner, Ernst Jandl, H.C. Artmann, Wulf Kirsten oder Franz Hohler.

Beispiel