Intertextualität

Intertextualität bezeichnet bezeichnet die Beziehung(en), die Texte untereinander haben. Traditionell werden darunter erkennbare Verweise auf ältere, ebenfalls literariche Texte gefasst. Mit dem Poststrukturalismus wurde der Begriff erweitert und zur Bezeichnung sämtlicher Relationen zwischen Texten. Intertextualität ist hier eine Grundeigenschaft von Texten.

 

Basis für diesen weiten Intertextualitätsbegriffs ist Michael Bachtins Dialogizitäts-Konzept. Das Wort hat nicht nur seine denotative Bedeutung, sondern ist immer auch aufgeladen mit sozialen Konnotationen anderer Sprecher, Diskurse etc. Die Bedeutung von Wörtern ist damit historisch und kulturell in einem bestimmten Rahmen verortbar. Gleichzeitig ermöglicht die Einschreibung der sozialen Konnotation in ein Wort die dynamische Interaktion mit der aktuellen Aussageabsicht des Textes.

Hieran anknüpfend hat Julia Kristeva Intertextualität beschrieben als das „textuelle Zusammenspiel, das im Innern eines einzigen Textes abläuft“ (Probleme der Textstrukturation, S. 255). Der Text ist ein „Mosaik aus Zitaten“ (Bachtin, S. 348), der andere Texte in sich aufnimmt (Absorption) und deren Bedeutungen innerhalb der eigenen Strukturiertheit verändert (Transformation). Ein Text und die in ihn eingeschriebenen Codes und Diskurse manifestieren sich in Schreibweisen, die eine herausgehobene Stellung des Schreibenden bei der Bedeutungszuweisung (Signifkationsprozess) negieren. D. h., der Schreibende befindet sich mit den Worten, die er verwendet, selbst schon in Interaktion mit anderen Texten. Die poetische Sprache ist ein „Spannungsfeld“ (Biti, S. 423), in dem Autor und Leser eingebunden sind und somit ihre Bedeutung als letztgültige Instanz einer (ab-)geschlossenen Interpretation verlieren.

 

Auf diesem weiten Begriff von Intertextualität basierend, hat Harold Bloom Intertextualität als die Relation zwischen den Texten bezeichnet. In „Anxiety of Influence“ behandelt er die diachrone Relation zwischen einem Schriftsteller und der Auseinandersetzung mit seinen Vorbildern. Der Schriftsteller versucht, sich von den Vorbildern loszulösen und sich möglichst weit entfernt mit dem eigenen Text anzusiedeln. Mit diesem Konzept aber kehrt Bloom zurück zu traditionellen Auffassungen, bei der Intertextualität in einer Weise betrachtet und analysiert wird, die autor-intentionale Elemente in den Vordergrund stellt.

Dieses Problem stellt sich jedoch generell, wenn versucht wird, den weiten Intertextualitätsbegriff in Einzelanalysen anzuwenden. Indem auf Grund der Handhabbarkeit der Analyse eine Auswahl getroffen wird, kommen hierbei durch die Hintertür traditionelle Konzepte wieder zum Tragen, da meist einzelne Texte mit erkennbaren Verweisen ausgewählt werden.

 

Gérard Genette hat in „Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe“ eine Neudefinition vorgenommen und des weiteren eine Klassifikation intertextueller Bezüge aufgestellt. Die generelle Relation zwischen Texten benennt er als Transtextualität, womit er für den Oberbegriff die vielfältigen Bdeutungsebenen auszuschließen versucht, die dem Begriff Intertextualität anhaften. Intertextualität beschränkt er auf die Verweisformen Zitat, Plagiat und Anspielung. Zitat und Plagiat sind wort-wörtliche Übernahmen aus anderen Texten – das eine als Fremdtext gekennzeichnet, das andere nicht. Die Anspielung – weniger scharf definierbar – wird von Genette beschrieben als eine „Wendung des Textes“ (Palimspseste, S. 10), die nur dann voll verständlich ist, wenn die Beziehung zum Prätext erkannt und in die Interpretation einbezogen wird.

 

Literatur:

Gèrard Genette: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. 2. Aufl. Frankfurt/Main 1996 [1982].

Julia Kristeva: Probleme der Textstrukturation. In: Strukturalismus in der Literaturwissenschaft. Hg. von Heinz Blumensath. Köln 1972, S. 243-262.

Julia Kristeva: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman. In: Literaturwissenschaft und Linguistik III. Hrsg. von Jens Ihwe. Frankfurt am Main 1972, S. 345-375

Richard Aczel: Intertextualität und Intertextualitätstheorien. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hrsg. von Ansgar Nünning. Stuttgart/Weimar 32004, S. 299-301.

Vladimir Biti: Literatur- und Kulturtheorie. Ein Handbuch gegenwärtiger Begriffe. Hamburg 2001.

 

(K.K.)