Liu Xiaofeng

(deutsche Übersetzung)

HOME SCHEDULE ABSTRACTS ARTICLES LOCATIONS CONTACT

Liu Xiaofeng

 

side 1 side 2 side 3  |  side 4


6. "Das seltsame Buch” des blinden Einsiedlers

 

L. Strauss hat mit seinen „seltenen Augen” zutreffend geurteilt: Was Nietzsche am meisten beschäftigt, ist die Stellung des Philosophen in der Moderne. Nur der Philosoph hat das Recht, die Rolle des moralischen Gesetzgebers der Gesellschaft zu spielen, weil nur er sich darüber Gedanken macht, was Moral, was ein gutes bzw. glückliches Leben ist, das es zu leben gilt. Aber der Philosoph darf nicht Herrscher werden, sonst würden „Ei und Eierschale” zusammen zerbrechen. Im staatlichen Leben wird dem Philosophen höchstens eine Funktion als Apotheker zuteil, der nachprüft, ob das Rezept für den Herrscher falsch ausgestellt ist oder ob die Dosis richtig ist. Ein Beispiel dafür ist Alexander Kojève, einer der von Fachkennern anerkannten großen Weisen des zwanzigsten Jahrhunderts, der Frankreichs Präsidenten beriet, die Europäische Gemeinschaft mit konzipierte und Verhandlungen zu GATT mitgestaltete. Der Philosoph soll jedoch zuerst über Moral und das Gute kontemplieren, sonst könnte er nicht die Arbeit eines Apothekers übernehmen. Und der Kontemplation des Philosophen geht es vor allem um sein eigenes individuelles Leben, nicht um das Volk, ganz zu schweigen von Staat und Nation. Erst mit der Aufklärung fing der Philosoph an, in erster Linie dem Volk zu dienen, statt sich zuerst um sein eigenes moralisches Leben zu kümmern. Der Philosoph denkt nicht mehr darüber nach, was das Edle ist, sondern er berät Staat, Nation und Volk, trachtet danach, das Volk zum Kampf um Freiheit, Gleichheit und Demokratie zu leiten. Dabei vergisst er seine Berufung zur Kontemplation. Kojève hat sich beispielsweise in seinen früheren Jahren mit dem Mystiker Wladimir Solowjew beschäftigt und über die Morallehre noch vor seiner Beratungsarbeit kontempliert. „If contemporary philosophers were to dream up a polis, it would certainly be no Platonopolis, but rather an Apragopolis (city of loafers)“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 111). Nicht wahr? Heutzutage gibt es bei uns eine große Menge von Fachleuten in internationalen wissenschaftlichen Normen entsprechenden, „sozialwissenschaftlichen“ Bereichen, wie der „Institutionenökonomie“, der „analytischen Philosophie“, der „kulturellen Anthropologie“, der „sozialkritischen Theorie“ usw. Sie sind wirklich davon überzeugt, dass sie selbst Ärzte des Staates seien, das Volk leiten sollen und sogar Krankheiten des Staates und der Nation heilen könnten, ohne zu wissen, dass ein moderner Handwerker in Sokrates‘ Hierarchie bloß zu den Erzhaltigen gehört hätte. Eben weil der moderne Philosoph seiner Heimat, der Kontemplation, den Rücken kehrt, indem er entweder als Intellektueller erscheint und einen Platz in der Politik bei dem Diktator beansprucht (Die alten Philosophen haben dies niemals getan, und nicht aus Angst vor dem Tyrann. Was hat so ein Platz mit dem Denken über Moral zu tun?), oder als „reiner“ Experte der Philosophie die Erklärung der sprachlichen Fehlleistungen in philosophischen Ausdrücken zur höchsten Form des Denkens erhebt, so bedient er das Volk nur mit „alkalies or narcotics […] to soothe the nerves.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S.106) Nietzsche fragt, wer von den heutigen Philosophen noch weiß: „was ist vornehm“? Dass Nietzsche mit dieser Frage das letzte Kapitel seines Vorspiels einer Philosophie der Zukunft tituliert, ist dies nur eine Übertreibung eines poetischen Charakters?

„Things which are now treated medically but which were in those days taken to be matters of morality [...] The ancients were much more moderate and more deliberately so in daily life. They know how to abstain from and to deny themselves many things in order not to lose control over themselves“ (Ebd.).

Ist Nietzsche gegen die traditionellen Werte? Oder gegen die Moral? Nein, er ist gegen die moderne Moral der Aufklärung: „I do not know what sort of distant and rare things modern moral philosophers are talking about“ (Ebd.). Nietzsche bleibt ein Philosoph, will nichts anderes als ein Philosoph sein und ein kontemplatives Leben führen. Vom Wesen her ist der Philosoph ein „kalter Einsiedler“. Aber seine Kontemplation zeitigt auch äußere Resultate: „Even if he is a hermit, he thereby provides others with a lesson and an example.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S.108-109) Der Philosoph ist verpflichtet, „a teacher to the hundred most spirited and abstract minds“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S.71) zu sein. Die Lüge, die er braucht, ist daher „edel“. Seit der Aufklärung erleidet die Ordnung des Seins eine wesentliche Veränderung und es ist weder möglich, noch politisch korrekt, „a teacher to minds“ zu werden. Deshalb muss der Philosoph, mit Nietzsches Worten, „a hated destroyer of popular culture“ (Ebd.) werden. Nietzsche hält stets am Prinzip der geistigen Aristokratie fest, ist stets überzeugt vom Qualitätsunterschied der Menschen in der Metapher des Metalls und von der Herrschaft des Besseren und Höheren über den Schlechteren und Niedrigeren. Diese Herrschaft erfordert selbstverständlich die Unterstützung einer politischen Ordnung des Seins. Nietzsche ist begeistert von Spinozas immanenten Monismus, einer Welt ohne Jenseits, was eine Ähnlichkeit zur Begeisterung des Konfuzius für den Schüler zeigt. Hier tritt ein gedanklicher Einklang zwischen zwei Einsiedlern hervor. Aber Nietzsche hat eine Abneigung gegen Spinozas Schmeichelei gegenüber dem Volk. Um die geistige Aristokratie zu schützen, lässt Nietzsche sich nicht von der gesellschaftlichen Verfolgung abschrecken und behauptet häufig direkt seinen Aristokratismus. (Vgl. Zur Genealogie der Moral, 15) Aber ihm ist auch klar, dass eine Rückkehr zur antiken aristokratischen Gesellschaft nicht möglich ist. Die Frage ist eher, wie die geistige Aristokratie für die „Zukunft“, nach der Moderne, beibehalten werden kann.

Die Frage „Was ist vornehm?“ bezieht sich in einer an Freiheit und Gleichheit orientierten demokratischen Gesellschaft immer noch auf die Frage: Wie soll der Philosoph lügen? Oder nach Zarathustras Erfahrung: Da der Zwerg schon erfährt, „alles Gerade lügt“, wie könnte ich noch wie vorher lügen?

Dies erst ist die eigentliche Kernfrage von Nietzsche, und zugleich der Angelpunkt in der Wende von der edlen zur unschuldigen Lüge.

Gibt es in einer an Freiheit und Gleichheit orientierten demokratischen Gesellschaft nicht Meinungsfreiheit und gedankliche Freiheit? Warum muss der Philosoph noch lügen? Liegt die große Errungenschaft der Aufklärung nicht eben in der Beschränkung, wenn nicht Beseitigung der politischen Verfolgung und Unterdrückung der freien Meinungen? Oder konnten Menschen in der alten Zeit noch freier sprechen und denken als in der modernen Zeit?

Die bei Sokrates genannten mündlich überlieferten Texte (lakonische Worte) haben zwar den Zweck, den Philosophen selbst vor der Verfolgung zu schützen, sie werden auch mit der Absicht verwendet, den Glauben des Volkes nicht direkt zu stören, damit „Ei und Eierschale“ nicht zerbrechen. Um die verbotene Meinung hinter dem absichtlich vage ausgesprochenen Wort zu verstecken, verwendet man deshalb manchmal politisch korrekte und pietätvolle Redewendungen und Zitate, andererseits greift man aber auf verrückte und verkehrte Äußerungen zurück, um sich vom Gesagten wieder zu distanzieren. Man tut dies, nicht nur um an der Wahrheit im eigenen Herzen festzuhalten und dem Glauben des Volkes nicht zu folgen, sondern auch um das Gefühl des Volkes zu schonen und die soziale Solidarität zu pflegen. Die Grundvoraussetzung der esoterischen Kunst besteht darin, dass das Lebensideal (Vorstellung von Moral und Güte) des Philosophen und des Volkes nicht identisch werden kann. Nimmt man an, dass die Esoterik des Philosophen in einer an Freiheit und Gleichheit orientierten demokratischen Gesellschaft wegen der institutionell gesicherten Meinungs- und Denkfreiheit nicht mehr notwendig ist, dann geht man auch davon aus, dass das Lebensideal des Philosophen und das des Volkes miteinander übereinstimmen. Aber die Tatsache ist, dass aufklärerische Philosophen das edle und moralische Ideal aufgeben, sich dem Glauben des Volkes unterordnen und diesen über die Gesellschaft herrschen lassen. Falls ein Philosoph wie Nietzsche in einer an Freiheit und Gleichheit orientierten demokratischen Gesellschaft noch edel bleiben will, ist dies nicht noch gefährlicher als in einer aristokratischen Gesellschaft? Bräuchte er nicht noch mehr Lügen, und zwar mit neuen Methoden, da die alten schon vom Zwerg erkannt worden sind?

Nietzsche akzeptiert die Realität, die durch die philosophischen Rebellen der Aufklärung entstanden ist nicht, natürlich aus dem Grund seines Wertprinzips eines geistigen Aristokratismus: „wir, denen die demokratische Bewegung nicht bloß als eine Verfalls-Form der politischen Organisation, sondern als Verfalls-, nämlich Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als seine Vermittelmäßigung und Wert-Erniedrigung: wohin müssen wir mit unsren Hoffnungen greifen?“ (Jenseits von Gut und Böse, 203) Die unschuldige Lüge entsteht eben in einer solchen Ordnung des Seins. An einer anderen Stelle sagt Nietzsche aber auch:

„Es gibt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten Glaubens an eine Sache ist.“ (Jenseits von Gut und Böse, 180)

Was meint er damit? Heißt die unschuldige Lüge, dass die neue Methode zum Lügen bei Nietzsche unschuldig ist, dass er um einer Unschuld willen lügt, die „Zeichen des guten Glaubens an eine Sache ist“? Nach dem Schreiben von Also sprach Zarathustra ist Nietzsches esoterische Kunst immer raffinierter geworden. Ein Satz oder ein Abschnitt findet seine Fortsetzung ganz häufig an einer weit entfernten Stelle in demselben Buch oder sogar in einem anderen Buch. Der oben zitierte Satz wird z. B. erst viel später fortgesetzt.

Was bedeutet Unschuld hier? Natürlich ein Gegenteil von Schuld oder die Enthebung von einer Schuld. Sein nachgelassenes Buch aus den achtziger Jahren hatte eigentlich nicht den heute allbekannten Titel Wille zur Macht, sondern es wurde von ihm selbst Unschuld des Werdens genannt. Die Unschuld des Werdens, statt des Willens zur Macht, stellt Nietzsches eigentlich gewollte (lakonische) Worte dar. Die von der Lüge verborgene Sache ist genau diese Unschuld des Werdens.

Im achten Abschnitt der zweiten Abhandlung aus dem Buch Zur Genealogie der Moral, das E. Voegelin als Meisterwerk der historischen Philosophie bezeichnet, hält Nietzsche ein philosophisches Plädoyer für die Unschuld, indem er mit der von ihm entwickelten genealogischen Methode den Ursprung der Schuld konstatiert. Die Schuld hat ihren Ursprung „in dem Verhältnis zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner“, das wiederum den Anfang des Systems mit Preisbestimmung und Wertung in der menschlichen Gesellschaft widerspiegelt. Aber man irrt sich gewaltig, versteht man hier das Verhältnis zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner, aus der historischen Perspektive der politischen Ökonomie. Nietzsche sagt ganz direkt und offen: „hier maß sich zuerst Person an Person“, also nicht Reichtum, sondern menschliche Qualität (menschlicher Wert), und Tugend wird gemessen. „[D]er Mensch bezeichnete sich als das Wesen, welches Werte mißt, wertet und mißt als das ‚abschätzende Tier an sich‘“, und auf dieser Grundlage bildet sich die „Gewohnheit, Macht an Macht zu vergleichen, zu messen, zu berechnen“. Die Schuld bedeutet also, dass der Mensch mit niedrigerer moralischer Qualität dem Menschen mit höherer moralischer Qualität etwas schuldet. Dieser ist Gläubiger und jener ist der Schuldner. Das Verhältnis der beiden in der Moral ist eines zwischen Herrscher und Beherrschten. Der hier genannte Preis bezieht sich also auf die Klassifizierung der Menschen nach ihrer Qualität und die daraus abgeleitete gesellschaftliche Hierarchie. „[J]edes Ding hat seinen Preis“, das sieht Nietzsche daher als „de[n] ältesten und naivsten Moral-Kanon der Gerechtigkeit, de[n] Anfange aller ‚Gutmütigkeit‘, aller ‚Billigkeit‘, alles ‚guten Willens‘ [...] auf Erden“ an. (Zur Genealogie der Moral II, 8)

Heißt dies also, dass die Schuld berechtigt ist? Warum stellt Nietzsche aber dann noch einen Selbstwiderspruch mit der Unschuld des Werdens her?

Allerdings ist Nietzsche nie selbstwidersprüchlich, es sei denn, dass er mit der Esoterik operiert. An dieser Stelle im Buch Zur Genealogie der Moral, das Nietzsche mit einem bei ihm selten gesehenen Ernst wissenschaftlich schreibt, zeigt er keine Widersprüche. Vor und nach der Stelle weist Nietzsche empört darauf hin, dass der „älteste[] und naivste[] Moral-Kanon der Gerechtigkeit“ durch die priesterliche Ethik ersetzt wird! Die Schuld ist nicht mehr die Schuld im ursprünglichen Sinne, sondern die Schuld im Sinne der priesterlichen Ethik. Diese Schuld bringt die demokratische Modernität mit der Überzeugung von Freiheit und Gleichheit hervor. (Ist Max Weber Nietzsche nicht eben für diese Einsicht so dankbar?) Das Aufkommen der priesterlichen Ethik zeitigt den Verfall der aristokratischen Moral. „[D]ie Juden, jenes priesterliche Volk, [...] sind es gewesen, die gegen die aristokratische Wertgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflößenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt.“ (Zur Genealogie der Moral, I, 7) Ist es nicht äußerst logisch, wenn Nietzsche nun mit der „Unschuld des Werdens“ gegen die Schuld im Sinne der priesterlichen Ethik argumentiert? „Es gibt eine Unschuld in der Lüge, welche das Zeichen des guten Glaubens an eine Sache ist.“ Ist die Bedeutung dieses Satzes jetzt nicht ganz offensichtlich? Diese eine Sache ist genau der „älteste[] und naivste[] Moral-Kanon der Gerechtigkeit.“ (‚Wozu redet Rousseau/J. Rawls noch von einer Theorie der Gerechtigkeit? Wozu das Engagement der Kommunitaristen und der Neo-Neo-Linken, die alle bloß Enkelkinder der priesterlichen Ethik sind?‘ würde Nietzsche bösartig zu sich sprechen) Im modernen, demokratischen Zeitalter mit der Überzeugung der Freiheit und Gleichheit, bedeutet die Unschuld des Werdens für die edlen Menschen einfach „selber zu Opfern und Geschenken zu werden.“ Nachdem Zarathustra davon erzählt hat, fügt Nietzsche jedoch hinzu: „Vielleicht betrog er euch.“

Was ist die priesterliche Ethik hier? Ist sie der Glaube, von dem das Volk lebt? Wenn ja, dann steht Nietzsche direkt dem Volk entgegen – der Philosoph kämpft als Einzelner gegen das Volk. (Vergisst Nietzsche das Ende von Sokrates?) Ist das Großartige an Nietzsche nicht genau das, dass er kaltherzig das Christentum anzugreifen und die Herdenmoral der Eisen- und Erzhaltigen grausam zu zertrampeln wagt? Seit der Geburt der Tragödie greift Nietzsche den Platonismus an, aber zielt der Angriff nicht eigentlich auf das Christentum? Steht nicht am Anfang von Jenseits von Gut und Böse:

Aber der Kampf gegen Plato, oder, um es verständlicher und fürs ‚Volk‘ zu sagen, der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von Jahrtausenden – denn Christentum ist Platonismus fürs ‚Volk‘. (Jenseits von Gut und Böse, Vorrede)

Vorsicht! Nietzsche versieht das Wort Volk hier mit Anführungszeichen, warum? Was meint er mit dem „Volk“? Das Volk im Sinne der gesamten Menschengemeinschaft oder doch etwas anderes?

Stellen wir uns zuerst diese Frage: Da das Christentum einen Trost für das Volk ist, verliert das Volk diesen Trost, wenn man das Christentum verneint? Entspricht also diese Verneinung der politischen Intelligenz des Aristokratismus? Ferner: Hat das wirkliche Volk wirklich „Ismen“? „Ismen“ sind Sachen der Intellektuellen, das Volk hat nur seine gebräuchlichen Sitten, seine in der Sippentradition tief verwurzelte Religion und heiligen Kanons. „Gegenüber hebräischen bzw. allen Kanons der von ihm erwähnten Völker hegt Nietzsche mehr Respekt als alle Zuschauer.“ (L. Strauss) In Der Antichrist, einem Weltreligionen vergleichenden philosophischen Werk (davon profitiert Max Weber vermutlich viel), macht Nietzsche umfangreiche Bemerkungen über verschiedene Religionen in der Weltgeschichte und stellt eine Rangordnung fest: diejenigen, die in ihrem Kanon die Hierarchie und den religiösen Glauben verbinden, stehen hoch in der Ordnung (offensichtlich gegen Hegels Lehre über Weltreligionen). Zählt Nietzsche zu den Antireligiösen? Reiner Unsinn! Nietzsche versteht wie N. Machiavelli und T. Hobbes nur zu gut, wie wichtig, wie unentbehrlich die Religion des Volkes für sein Leben und für den Staat ist. Ja, Nietzsche sagt einmal, dass die Religion Lüge ist, aber eine heilige Lüge:

„Weder Manu, noch Plato, noch Konfuzius, noch die jüdischen und christlichen Lehrer haben je an ihrem Recht zur Lüge gezweifelt.“ (Götzendämmerung: Die ‚Verbesserer‘ der Menschheit, 5)

Dieser Satz wiederholt sich in Der Antichrist. Die heilige Lüge teilen alle gesunden Religionen, nur der Gründer spricht nie davon. Platons Theologie drückt auch eher indirekt aus, dass das Lügen richtig sei. Das Christentum ist nicht so klug wie der Hinduismus, der Islamismus und der Konfuzianismus, weil bei ihm die Lüge weniger „heilig“ ist. (Vgl. Der Antichrist, 55-56) Das sogenannte Heiligtum liegt aber nicht darin, wie transzendent der jeweilige Gott ist, sondern es ist abhängig davon, ob der religiöse Trost mit einer zwanghaften geistigen und institutionellen Hierarchie verbunden ist. Solange diese Hierarchie im Kanon durch den Mund des Gottes (der heilige Philosoph weiß, dies ist nur eine Lüge) vergöttlicht wird, solange ist die Lüge der Religion unschuldig.

„Nichts ist seltner unter Moralisten und Heiligen als Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht glauben sie es selbst. Wenn nämlich ein Glaube nützlicher, wirkungsvoller, überzeugender ist, als die bewußte Heuchelei, so wird, aus Instinkt, die Heuchelei alsbald zur Unschuld: erster Satz zum Verständnis großer Heiliger.“ (Götzendämmerung: Streifzüge eines Unzeitgemäßen, 42)

Nach diesem Lehrsatz kann das Christentum nicht völlig unheilig sein, sondern es kommt darauf an, von welcher Form des Christentums die Rede ist. Das frühe Christentum ist geprägt vom heiligen Charakterzug des römischen Reichs und entartet sich noch nicht so sehr. Seitdem der Protestantismus in Deutschland entstanden ist, verfällt das Christentum jedoch im „mediokren Norden“, indem es sich in „Form der décadence“ entblößt. Nietzsche hat mehr Zuneigung für den Katholizismus, eben weil dieser viel heiliger als der Protestantismus ist:

„Der Protestantismus, jene geistig unreinliche und langweilige Form der décadence, in der das Christenthum sich bisher im mediokren Norden zu conserviren gewußt hat: als etwas Halbes und Complexes werthvoll für die Erkenntniß, insofern es Erfahrungen verschiedener Ordnung und Herkunft in den gleichen Köpfen zusammenbrachte.“ (Der Wille zur Macht, 88, Vgl. 89).

Gegenüber dem Protestantismus reklamiert Nietzsche:

„[Ü]ber dem Tore des christlichen Paradieses und seiner ‚ewigen Seligkeit‘ würde jedenfalls mit besserem Rechte die Inschrift stehen dürfen ‚auch mich schuf der ewige Haß‘ – gesetzt, daß eine Wahrheit über dem Tor zu einer Lüge stehen dürfte!“ (Zur Genealogie der Moral I, 15)

Wozu bejaht Nietzsche „die heilige Lüge“? Um den grausamen „Kampf von Mensch gegen Mensch“ zu vermeiden. Ohne eine der heiligen Autorität zugrundliegende Hierarchie würde nicht nur die Moral der Gesellschaft ins Chaos geraten, sondern die Bestialität der Menschen würde ausbrechen und zur gegenseitigen Tötung führen. Ist Nietzsche gegenüber dem Volk feindselig? Auch Unsinn!

Hasst Nietzsche Priester? Wohl wahr. Aber hasst er Priester, die „heilige Lügen“ erzählen? Niemals! Im Gegenteil kann er den Gründer des verhassten Protestantismus, M. Luther, nicht genug loben und ruft liebevoll aus: „Where should we seek the people?“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 104)

Wer sind die Priester, die er hasst? Es ist wohl furchterregend, oder gar gefährlich, die Antwort auszusprechen: wir selbst sind es, die Intellektuellen!

Der von Luther imitierte robuste Protestantismus war ursprünglich für Bauern gedacht, also als heilige Lüge vor Bauern. Unerwartet ist er „in einen sanften Moralismus“ für „Menschen des geistigen Mittelstandes“ übergetreten: Ihr Gott sichert für alle ein schönes Ende und versichert ihr banales Glück. Gerade das Christentum des geistigen Mittelstandes schaufelt dem Christentum das Grab. (vgl. Morgenröte, 92) Denn der Mittelstand raubt dem Christentum das Heiligtum. Davor strebte man ausschließlich mit dem Glauben danach, die Existenz zu beweisen. Nunmehr strebt man danach zu erklären, wie der Glaube seine Wurzel in Gott hat. Nach dieser Wende lässt sich nur noch schließen, dass es keinen mystischen Gott gibt. (Lässt sich in Karl Barths Konzept vom Gott als „der ganz Andere“ und Dietrich Bonhoeffers „schwachen und ohnmächtigen“ Gott nicht eine Anregung von Nietzsche erkennen? Warum zitiert Barth in seinem Römerbrief so eifrig Nietzsche? Warum denkt Bonhoeffer in seiner Ethik mit Nietzsche über die Lüge nach?) Der Punkt hier ist, dass das Christentum ursprünglich kein moralisches Ideal oder eine Moralreligion war. „Der neuere Mensch hat seine idealisierende Kraft in Hinsicht auf einen Gott zumeist in einer wachsenden Vermoralisierung desselben ausgeübt“, und das führt zum „Abnehmen der Kraft des Menschen.“ (Der Wille zur Macht, 1035) Dies meint aber, anders als man geläufig versteht, dass die Existenz Gottes den Menschen erniedrigt: „[d]ie Kleine-Leute-Moralität als Maaß der Dinge: das ist die ekelhafteste Entartung, welche die Cultur bisher aufzuweisen hat.“ (Der Wille zur Macht, 200) Offensichtlich ist das vermoralisierte Christentum, das Nietzsches heftige Angriffe anzieht, nicht seine Urform. Der vermoralisierte Gott ist nicht mehr der Gott „jenseits von Gut und Böse“ des neuen Testaments, welcher schon von neueren Philosophen (Intellektuellen) getötet wurde: „Was tut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? [...] ein Attentat auf die Grundvoraussetzung der christlichen Lehre.“ (Jenseits von Gut und Böse 54) Aus Furcht vor dem Missverständnis macht Nietzsche vorher schon klar, dass der Aufstand der Sklaven-Moral mit der französischen Revolution begonnen hat. (Vgl. Jenseits von Gut und Böse, 46). Die Vermoralisierung des Christentums ist also die Rousseausche Aufklärungsmoral:

„[D]er Rousseau'sche Naturbegriff, wie als ob ‚Natur‘ Freiheit, Güte, Unschuld, Billigkeit, Gerechtigkeit, Idyll sei, – [ist] immer Cultus der christlichen Moral im Grunde.“ (Der Wille zur Macht, 340)

Glauben wir Intellektuellen von heute nicht genau an diese Moral? Die Herdenmoral, so wie Nietzsche sie versteht, ist nicht die Moral des Volkes im aristokratischen Zeitalter, sondern die Moral der Massen der modernen Intellektuellen, die Moral von uns „Gelehrten“. (Vgl. Jenseits von Gut und Böse: sechstes Hauptstück) Er hat schon viel früher daran gedacht: „It is all over with us if the working classes ever discover that they now can easily surpass us by means of education and virtue. But if this does not happen then all the more is it all over with us.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 104) Die erste Hälfte dieses Satzes ist wohl ein Scherz. Nietzsche ist es natürlich klar, dass das Volk nie Philosoph werden würde, denn der Philosoph ist ein eigenartiger Typus, der ein Leben voller Kontemplation führt und vom Wesen des esoterischen Einsiedlers ist. Die zweite Hälfte ist aber hart: die Nivellierung für die Gleichheit bringt eine große Masse von Intellektuellen hervor. Nietzsche redet zwar von Juden als dem „priesterlichen Volk“, spielt aber auf andere an. Wie könnten Juden, das Volk in einer vergöttlichten Ordnung, ein priesterliches Volk sein? Dies macht offenbar die Masse der Intellektuellen, das „Volk“ nach der Aufklärung aus, ein Volk mit jeglichem ‚Ismus‘. Das Volk darf nicht Philosoph werden. Das Volk bleibt Volk, so ist es auch nicht mittelmäßig. Jeder kann Philosoph werden? Wie absurd! „Where do these people [of this ‚nation of thinkers’] dwell?“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S.114) Straßen füllende heilige Philosophen sind nicht nur unmöglich, sondern auch gefährlich. Das sogenannte Mittelmäßige besteht eben darin, dass der Philosoph zum Volk werden will. Nietzsche konfrontiert sich also mit einem neuen Problem im alten Verhältnis zwischen dem Philosophen und dem Volk: der Philosoph neigt dazu, das priesterliche Volk (mit ‚Ismen‘) zu werden und er will das gesamte Volk in moralisierte Priester verwandeln, was das Ideal der Aufklärung ist. Seitdem das priesterliche Volk entsteht, verschwindet der Philosoph. An seiner Stelle treten nur noch Gelehrte, Literaten und Herden von Intellektuellen auf. Anschließend brach der hundertjährig dauernde Kampf von Mensch gegen Mensch unter „uns“, der Herde, aus. Unzählige Tragikomödien, die den Intellektuellen im 20. Jahrhundert passiert sind, lassen sich auf diesen Kampf zurückführen. Schreibt man diese der bäuerlichen Manier oder dem Überrest des Feudalismus zu, dann ist es eine falsche Beschuldigung der Bauern und des Feudalismus.

Herdenmoral der Intellektuellen? Haben wir nicht mit eigenen Augen gesehen, wie die Intellektuellen statt des Volkes miteinander wetteifern, noch mittelmäßiger, oder gar schurkenhafter, niederträchtiger, zynischer, unverschämter, falscher zu sein! Bauern oder Kraftarbeiter lesen nichts von Nietzsche und die Intellektuellen verschicken auch keine Lehre von Nietzsche, wie sie damals die marxistischen Lehren aufs Land schickten, sondern sie behalten Nietzsche für sich selbst. Wie stolz wir Intellektuellen auf uns selbst sind: sieh, wie widerlich Nietzsche das Volk findet! Aber Nietzsche hasst eigentlich genau uns Intellektuelle, zu denen er auch sich selbst zählt. In seinen unveröffentlichten Notizen macht Nietzsche es ganz klar:

„The lower classes of unlearned men are now our only hope. The learned and cultivated classes must be abandoned, and along with them, the priests, who understand only these classes and who are themselves members of them. Men who still know what need is will also be aware of what wisdom can be for them. The greatest danger is the contamination of the unlearned classes by the yeast of modern education.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S.104)

Nach Also sprach Zarathustra widmet sich Nietzsche sofort dem Vorspiel der Philosophie der Zukunft. Er denkt an den Philosophen der Zukunft. Wer nämlich ist der Übermensch? Wir Intellektuellen der Postmoderne? Diese Zukunft aber ist kein zeitlicher Begriff, sondern ein typologischer. Die Zukunft steht für das Vornehme/Edle, während die Gegenwart für das Mittelmäßige, d.h. Liberalismus, Sozialismus und Konservatismus steht: alle Intellektuellen mit ‚Ismen‘ sind die Objekte der Überwindung durch Nietzsches Übermenschen. Das richtige Volk kümmert Nietzsche hingegen nicht so sehr. Es ist keine Sache des Philosophen, sich in die Sorgen des Volkes einzufühlen.

Das heißt aber nicht, dass Nietzsches Philosophie nur das Verhältnis zwischen dem Philosophen und dem neuen Volk (dem priesterlichen Volk) umkreist, ohne eine eigene Substanz zu enthalten. Vielmehr muss man, um die wesentliche Lehre Nietzsches angemessen zu begreifen, von dem Verhältnis als der allerersten philosophischen Frage ausgehen. Kurz gesagt, gehört Nietzsche keinesfalls zu den oberflächlichen Konservativen, die Tag für Tag appellieren, die traditionellen Werte beizubehalten oder zu ihnen zurückzukehren. Nietzsche ist sich vollkommen bewusst, dass die traditionelle transzendentale Ordnung nicht wiederherzustellen ist, und dass diese Katastrophe vom priesterlichen Volk verursacht wurde:

„[W]er aber das seltne Auge für die Gesamt-Gefahr hat, daß ‚der Mensch‘ selbst entartet, wer, gleich uns, die ungeheuerliche Zufälligkeit erkannt hat, welche bisher in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte – ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein ‚Finger Gottes‘ mitspielte! – wer das Verhängnis errät, das in der blödsinnigen Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der ‚modernen Ideen‘, noch mehr in der ganzen christlich-europäischen Moral verborgen liegt: der leidet an einer Beängstigung, mit der sich keine andre vergleichen läßt.“ (Jenseits von Gut und Böse, 203)

Warum ist die Beängstigung nicht vergleichbar? Woher diese Angst vor dem grundlegenden Nichts, der „ungeheuerliche[n] Zufälligkeit“? Da das Nichts diese Zufälligkeit ist, die von der Natur her voller Bosheit und Grausamkeit steckt. Früher standen der Gott und seine göttliche Ordnung vor dem Nichts und sie ertrugen die daraus entspringenden Unglücke. Jetzt muss sich das menschliche Dasein der natürlichen Bösartigkeit und Grausamkeit entblößen; da zerbricht „Ei und Eierschale“. Dies alles wird eben von den modernen Intellektuellen bewirkt, es ist „das Verhängnis [...] in der blödsinnigen Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der ‚modernen Ideen‘“. Die „ungeheuerliche Zufälligkeit“ entsteht also parallel zur Entartung des Menschen selbst. Das „priesterliche Volk“ lehnt die Ablehnung der Zufälligkeit der Welt durch den jüdisch-christlichen Gott und die griechische kosmologische Vernunft ab und bringt dadurch den Menschen dahin, wo Bösartigkeit und Grausamkeit noch nicht von der moralischen Ordnung eingedämmt war. Die wesentliche Wahrheit, die Nietzsche sucht, lautet: Wie das menschliche Dasein von heute mit der Zufälligkeit der Welt zurechtkommen kann. Darum entwickelt Nietzsche die Idee, das Schicksal zu lieben, um mit dem Zufall zu kämpfen: „Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.“ (Also sprach Zarathustra: von der schenkenden Tugend). Der Übermensch bei Nietzsche ist der edle Philosoph, der sich wie ein Gott der natürlichen Bösartigkeit und Grausamkeit zu stellen hat. Dazu braucht man freilich einen fast wahnsinnigen Mut. Aber was könnte Nietzsche, der derart bis zum Grunde denkt, sonst tun?

Der Philosoph der Zukunft lügt in einer Unschuld, wie es der Heilige in der Religion tut. Der Philosoph der Zukunft „executes his masterpiece of deception in misfortune, as the other type of man executes his in times of happiness.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 91) Der große Sinn und die lakonischen Worte bei Nietzsche sind damit auch erhellt. Um Verwechselungen zu vermeiden: dass Gott tot ist, ist Nietzsches plakative Aussage; seine lakonischen Worte besagen aber, dass die modernen Intellektuellen schon zu richtigen Herden entartet sind und mit einem Mal beseitigt werden sollen.

Kann dies offen gesagt werden, in einer Zeit, in der die Intellektuellen herrschen und leiten?

Wie Jorge von Burgos im Roman Der Name der Rose schmiert auch Nietzsche Gift auf seine Bücher mit der Hinterlist, dass die Gelehrten nach der Aufklärung beim Lesen von einem krassen Tod heimgesucht werden. Nietzsche operiert mit der esoterischen Kunst, treibt die Logik der aufklärerischen Vernunft bis zum Extrem (Vernunft = Wille = Lebenstrieb), spitzt die antichristliche Tendenz der Aufklärung zu und täuscht noch mehr Aufklärertum als jeder andere vor (Lu Xun ist ein Beispiel von den Betrogenen). Hundert Jahre nach seinem Tod betrachten unzählige Gelehrte und Literaten dies als Nietzsches Offenbarung neuer Werte, um das mittelmäßige Volk aufzuklären. Heutzutage nehmen auch die Postmodernisten mit Zufriedenheit und Freude seine plakativen Aussagen auf, überzeugt von ihrem heimlichen Erbe, jedoch ohne zu wissen, dass ihre Hände schon voller Gift sind.

Nietzsche selbst lügt, aber unschuldig. Er zeigt schon in seinen Notizen: „the philosopher at this point is the poisoner of culture.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 74-75)

(ENDE TEIL 1)

(Übersetzung LI Shuangzhi)

side 1 side 2 side 3  |  side 4

 

download as pdf

Chinese original

 

(Alle Fußnoten in der pdf)

^TOP^