Liu Xiaofeng

(deutsche Übersetzung)

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Liu Xiaofeng

 

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5. „Die unschuldige Lüge“

 

In Nietzsches Schriften finden sich nicht selten widersprüchliche Aussagen oder zweideutige bzw. mehrdeutige Gebräuche desselben Wortes. Die zwei Formen des Willens zur Macht, wie oben ausgeführt wurde, sind ein Beispiel davon. Jetzt ist uns klar geworden: der Grund der Widersprüche oder Zweideutigkeiten besteht nicht darin, dass Nietzsche ein Dichter-Philosoph ist und Aphorismen bevorzugt, die keine Kohärenz der Gedanken im Sinne einer wissenschaftlichen Arbeit beanspruchen. Aber die Aphorismen kommen nicht vor, weil Nietzsche zum leidenschaftlichen Typus des Philosophen à la Rousseau gehört und nicht zum nüchternen Typus à la Spinoza oder Kant, so dass man kein konsequentes Denken und Sprechen von ihm erwarten könnte. Solche Ansichten verfehlen einfach die Tatsachen. Leo Strauss weist darauf hin, dass die Form des Dialogs, die Platon beim Philosophieren gerne verwendet, keinesfalls den typischen Habitus eines Literaten oder die Imitation der dramatischen Struktur aufweist. Vielmehr geht es um die Kernfrage seines philosophischen Denkens. Bei der Form des Denkens von Nietzsche ist es das Gleiche. Wenn man von dieser Form absieht und Nietzsche nur nach der populären „Nietzsche-Theorie“ zu begreifen versucht, dann wird man getäuscht. Auch die Art und Weise, Nietzsche mittels seines polyphonischen Stils zu dekonstruieren, zeigt fast nur Oberflächigkeit und Unwissen. Nietzsches Schreibart ist nicht gleichzusetzen mit der Rhetorik eines Literaten, die in der letzten Zeit bei vielen Gelehrten unseres Landes zu beobachten ist, sondern sie stellt seine kontemplative Denkweise dar. Die einzelnen Aphorismen, die scheinbar zusammenhanglos da stehen, sind auch keine „Inseln des Sinns“, sondern eine tiefgehende Sorge hält sie zusammen. Wo die Worte hermetisch, inkohärent und mystisch wirken, da verbirgt sich etwas Besonderes.

Das aphoristische Schreiben ist, wie oben erklärt wurde, nicht Nietzsches originäre Erfindung. Blaise Pascals Gedanken etwa sind ein exzellentes aphoristisches Werk, das sich mit der tiefen inneren Krise des Glaubens befasst. Nietzsche war lange fasziniert von Pascal und nannte ihn einmal „der einzige richtige Christ“, der sich mit dem Verfall des christlichen Glaubens zu konfrontieren wagt. Die Textform sei genau die Ausdrucksform einer Seele voller Wunden. Die Worte mit Absicht vage und ironisch zu gestalten, zu übertreiben, Topoi zu zitieren, anzuspielen, vorzutäuschen, nur halb auszusprechen, umherzuschweifen: dies alles scheint eine Verschwendung des dichterischen Talents zu sein, geht aber einem existenziellen Bedürfnis des individuellen Denkens nach - dem Bedürfnis nach einer Maske. Die Tiefe kann nicht direkt erschlossen werden, sondern muss herumschweifend umkreist werden. Darin liegt eine alte „Zauberkunst“ - die esoterische Kunst, anders gesagt: die rhetorische Kunst. Nietzsche redet tatsächlich mit einer rätselhaften Sprache über diese Kunst:

„Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben sogar einen Haß auf Bild und Gleichnis. [...] es gibt so viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, daß ein Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen hätte, grob und rund wie ein grünes altes schwerbeschlagenes Weinfaß durchs Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen, der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten Entscheidungen auf Wegen, zu denen wenige je gelangen und um deren Vorhandensein seine Nächsten und Vertrautesten nicht wissen dürfen: seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wiedereroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgner, der aus Instinkt das Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschöpflich ist in der Ausflucht vor Mitteilung, will es und fördert es, daß eine Maske von ihm an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner Freunde herumwandelt.“ (Jenseits von Gut und Böse, 40)

Nietzsche selbst weiß gut, wie die Maske anzuziehen und die Schutzwand aufzubauen ist, und er vermag auch, die nicht so geschickt angezogenen Masken anderer zu durchschauen und das Gesicht dahinter an den Tag zu bringen. Gegenüber den tüchtigen Esoterikern zeigt Nietzsche stets seine Bewunderung. An dieser Stelle wenden wir uns nun einer Frage zu, die Voegelin aufwirft:

Wenn Nietzsche schon längst weiß, dass der Philosoph nur mittels Lügen auf der Welt überleben kann, und wenn das Lügen ein edles Unternehmen ist, warum lässt sich beim Lügen nicht sein schlechtes Gewissen beobachten? Vom Frühwerk bis zu wichtigen Texten vor seiner Autobiographie, also Götzen-Dämmerung oder Der Antichrist, kommt Nietzsche immer wieder auf das Thema der Lüge zu sprechen. Die Lüge ist ein Hauptmotiv in Nietzsches Schriften. Mancher wird vielleicht einwenden, dass Die Geburt der Tragödie eine Ausnahme ist. Aber in der zur gleichen Zeit entstandenen, nur nicht zeitgleich veröffentlichten Abhandlung Über Wahrheit und Lüge verdeutlicht Nietzsche bereits, dass die Kunst auch eine Lüge ist: „Artistic pleasure is the greatest kind of pleasure, because it speaks the truth quite generally in the form of lies.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 96) Die Geburt der Tragödie lügt also einfach so, während er sich in den späteren Texten, einschließlich des dichterischen Werks (wie Also sprach Zarathustra), immer wieder mit der Lüge auseinandersetzt. Lügen und zugleich dem Leser das Lügen eingestehen, ist das nicht wundersam? Kann man vermuten, da das Sollen der edlen Lüge von einer „Ordnung des Seins“ bestimmt wird, dass Nietzsches schlechtes Gewissen beim Lügen darauf verweist, dass etwas Gewichtiges in dieser Ordnung passiert ist?

Der Verdienst der heideggerischen Nietzsche-Deutung ist nicht zu verleugnen. Er verbindet Nietzsches Philosophie zum ersten Mal mit tiefgreifendem Blick mit dem Platonismus. Aber er macht darauf aufmerksam: es ist der Platonismus gemeint, nicht Platon. Der Zusammenhang zwischen Nietzsche und Platon beruht auf der metaphysischen Problematik des Seins. Stanley Rosen übernimmt die Platon-Deutung seines Lehrers Leo Strauss und sucht Heideggers Nietzsche-Deutung umzukehren, auch wenn er Heideggers Einsicht teilweise akzeptiert: mit Nietzsches Philosophie hat wesentlich Platon an sich, nicht aber der Platonismus zu schaffen. Platons lakonische Worte bieten gar keine existenzialistische Metaphysik an, genauso wie bei Nietzsche. Eine Metaphysik über das Sein, die von Platon und Nietzsche geteilt wird, ist ganz und gar Heideggers Erfindung. Der Zusammenhang zwischen Nietzsche und Platon ist freilich entscheidend, aber er ist keine Lehre des Seins, die bei beiden nicht zu finden ist, sondern er besteht in der Esoterik. Es kommt also darauf an, das Verborgene bei Nietzsche zu ermitteln.

Um das Esoterische zu enträtseln, soll man zuerst auf die am offensichtlichsten selbstwidersprüchlichen Stellen achtgeben. Rosen bemerkt z.B. zwei unterschiedliche Gebräuche von „Nihilismus“ bei Nietzsche: ein adeliger Nihilismus und ein dekadenter. Er stellt fest, dass Nietzsche einerseits eifrig von der Welt als Nichts redet, andererseits Leute aufruft, Werte zu schöpfen. Wenn man leidenschaftlich das Schöpfen und das Zerstören als das Gleiche erklärt, dann deutet man an, dass keine Schöpfung einen Wert hat. Vor einem nihilistischen Hintergrund an die Werteschöpfung zu appellieren, das kennzeichnet jedenfalls ein absurdes Dasein. Liefe Nietzsches Absicht darauf hinaus, neue Werte schöpfen zu lassen, dann hätte er seine Zerstörung der Grundwerte, die adlige Form des Nihilismus, verhehlen sollen. Auch wenn man behaupten könnte, dass die gründliche Zerstörung der alten Werte die Voraussetzung für die Schöpfung der neuen Werte sei, widerspricht man sich doch selbst: wenn Nietzsche nicht nur die tradierten Werte, sondern die Grundlage aller Werte überhaupt zerstört, wie könnte man dann neue Werte als Werte bestimmen? Läge es Nietzsche daran, den Leuten zu zeigen, dass er nur das Nichts als Daseinsgrund anerkennt, dann wäre der Appell zu neuen Werten eine Lüge. Schließlich nimmt Nietzsches Konzept über das ewige Chaos die immanente und vorhandene Möglichkeit der Werteschöpfung im Voraus vorweg. Die Belehrung über das ewige Chaos ist entweder wahr oder falsch. Ist Nietzsche wahrhaftig davon überzeugt, so steht es in der Tat in keinem Konflikt zum edlen Nihilismus. Aber diese Übereinstimmung enthüllt die Kohärenz seiner Belehrung als ein falsches Bild des ewigen Chaos, dies wäre immer noch eine Lüge, wenngleich eine gesunde. Ist die Belehrung falsch, dann steht doch eine Ordnung hinter der Welt. Der dekadente Nihilismus erweist sich dann als eine Lüge. Wie auch immer, die Mischung der zwei Formen des Nihilismus bleibt stets eine „tüchtige Lüge“. Die Wahrheit, die sie zu verbergen hat, ist dies: die Welt ist am Ende nur Chaos. Nur auf der Basis der tüchtigen Lüge kann man zwischen dem adligen und dem dekadenten, dem positiven und dem negativen Nihilismus unterscheiden. Verhehlen heißt aber noch lange nicht, die Wahrheit nicht auszusagen. Deswegen ist Nietzsche darauf angewiesen, uns über zwei Nihilismen zu belehren.

Nach Rosen glaubte Nietzsche wahrhaft daran, dass die Welt im Wesen ein immanentes und genuines Chaos ist, aber er musste die Leute davon überzeugen oder darin täuschen, dass sie selbst Schöpfer der Werte sind oder sein können. Eigentlich haben Platon und Nietzsche beide gesehen, dass das Wesen der Welt Chaos (im Grunde nihilistisch) ist. Wie kann man angesichts der absoluten Kontingenz noch weiter leben? Dazu gibt Platon die Lüge des Eros, und Nietzsche die Lüge des Rausches. Nietzsche identifiziert sich sowohl mit dem nüchternen Platon als auch mit dem berauschten Alcibiades. Anders als Plato jedoch erinnert Nietzsche stets daran, dass seine eigenen Worte auf zwei unterschiedliche Weisen, nämlich als lakonische Worte und als Worte mit großem Sinn, ausgesprochen werden, während Platon den Unterschied zwischen den zwei Diskursen zu vertuschen sucht. Dabei verkehrt Nietzsche das Verhältnis der zwei Modi und seine Lehre tritt als „verbergender Ausdruck der expliziten Sinnbedeutung“ hervor: Der Philosoph der Zukunft berauscht sich, damit er die Tatsache vergessen kann, dass es auf der Welt überhaupt keine Wahrheit gibt. Folglich verwandelt Nietzsche Philosophie zur Poesie, d.h. Philosophie wird selbst zu einer Art Nihilismus. Hingegen versucht Plato niemals, die lakonischen Worte zum expliziten großen Sinn zu transformieren, so dass seine Philosophie stets im Spannungsverhältnis zur Poesie steht.

Rosen hat mit einem scharfsinnigen Blick Nietzsches Wende zur Esoterik gesehen, aber seine konkrete Darlegung steht im Schatten der heideggerischen ontologischen Nietzsche-Deutung, weil er dessen These nur „umgekehrt“ (so seine eigenen Worte) hat: das ewige Chaos ist nur die Kehrseite des Seins. Er geht so weit, dass er den von Heidegger erklärten „innersten Zusammenhang“ auf eine andere Art und Weise interpretiert: die ewige Wiederkunft (das heißt das grundlegende Nichts) ist die wahrhafte (verborgene) Lehre von Nietzsche und die Lehre über den Übermenschen (Wertschöpfen) ist seine explizite (politische) Lehre; die verborgene Lehre versteckt sich hinter der positiven und schöpferischen (dionysischen) Lehre. Die Lehre über den Willen zur Macht nimmt die ausgleichende Stelle zwischen den beiden ein.

Aber die philosophische Kernfrage bei Nietzsche (genauso wie bei Platon) ist in erster Linie nicht die, worüber zu kontemplieren ist, sei es die Idee, sei es das grundlegende Nichts, sondern es kommt auf das Verhältnis zwischen der Philosophie und dem Volk an. Als Philosoph hat Nietzsche freilich ein Hauptthema zum Philosophieren, das ihn besonders interessiert: Sowohl die Immanenz, die ihn mit Spinoza und Goethe verbindet, als auch die asketische Idee des Willens, die er bei Pascal als Anregung und Anreiz zum Disput sieht, sind die eigenen Sachen des denkenden Philosophen. „The philosopher is a philosopher first only for himself, and then for others“. Das Problem ist nur: „It is not possible to be a philosopher completely for oneself, […] as a human being a person is related to other human beings, and if he is a philosopher, he must be a philosopher in this relationship.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 108) Der Beweggrund für Nietzsches Wende zur Esoterik lässt sich allein im politischen Wesen der Philosophie, auf das die Lüge angewiesen ist, finden.

Nietzsche zeigt sein schlechtes Gewissen und seine Unruhe beim Lügen. Warum lügt er eigentlich? Bei Sokrates in der platonischen Fassung ist die Lüge (esoterische Kunst) „tüchtig“, edel. Nietzsche spricht jedoch wiederholt von der „unschuldigen Lüge“. Wenn die edle Lüge eine unschuldige geworden ist, dann wird der Lügner auch nicht mehr ein erhabener Weiser, sondern er wird einem Kind ähnlich.

Die Lüge. – Weshalb sagen zu allermeist die Menschen im alltäglichen Leben die Wahrheit? – Gewiß nicht, weil ein Gott das Lügen verboten hat. Sondern erstens: weil es bequemer ist; denn die Lüge erfordert Erfindung, Verstellung und Gedächtnis. [...] Sodann: weil es in schlichten Verhältnissen vorteilhaft ist, direkt zu sagen: ich will dies, ich habe dies getan, und dergleichen; also weil der Weg des Zwangs und der Autorität sicherer ist als der der List. – Ist aber einmal ein Kind in verwickelten häuslichen Verhältnissen aufgezogen worden, so handhabt es ebenso natürlich die Lüge und sagt unwillkürlich immer das, was seinem Interesse entspricht; ein Sinn für Wahrheit, ein Widerwille gegen die Lüge an sich ist ihm ganz fremd und unzugänglich, und so lügt es in aller Unschuld.“ (Menschliches, Allzu Menschliches, I, 54)

Das Begreifen der Gründe für die Unschuld der Lüge scheint somit ein Schlüssel zum Verständnis von Nietzsches lakonischen Worten und ihrem großen Sinn zu sein. Nach der wörtlichen Bedeutung tut die Rede von der unschuldigen Lüge so, als ob der Lügner sich für das eigene Lügen verteidigen müsste. Für die edle Lüge hingegen kommt die Selbstrechtfertigung nicht infrage. Wer lügt, der stellt sich nicht infrage. Aber was ist das, was keine Frage für sich hat?

Sokrates scheut sich in Platons Schriften lange, nachdem er die „tüchtige Lüge“ erwähnt hat, die Begründung der Lüge ganz offen zu verlautbaren, denn er weiß nicht, „wo [er] die Kühnheit oder die Worte dazu hernehmen soll“. Auf Glaukons dringliche Nachfrage erst trägt er zögernd, auf seine mit Vorliebe verwendete Weise, nämlich in der Form der Parabel, ein „Märchen“ vor: Obwohl die Menschen eigentlich von gleicher Natur sind, alle „in dem Gemeinwesen Brüder“ sind, hat der Gott beim Menschenformen jeweils andere Metalle beigemischt: er „hat denen, welche zu regieren geschickt sind, bei ihrem Werden Gold beigemischt, und deswegen haben sie vorzüglichen Wert, allen Helfen aber Silber, und Eisen und Erz den Landleuten und übrigen Handwerkern.“ Es wäre ganz in Ordnung, wenn die Goldhaltigen nur goldhaltige und die Erzhaltigen nur erzhaltige Kinder zeugen würden. „Manchmal kann aber auch aus Gold ein silberner Nachkomme und aus Silber ein eherner gezeugt werden, und so auch die andern alle voneinander.“ Zum Schluss des Erzählens fasst Sokrates zusammen:

„Den Regierenden nun gebietet der Gott zuerst und zumeist, daß sie über nichts so gute Wächter seien und auf nichts so sorgfältig achten wie auf ihre Nachkommen, was von diesen Stoffen ihren Seelen beigemischt ist, und falls ein Nachkomme von ihnen erzhaltig oder eisenhaltig geworden, so werden sie schlechterdings kein Mitleid mit ihm haben, sondern ihm die seiner Natur zukommende Stellung zuteilen und ihn unter die Handwerker oder Landleute stoßen; und wenn andererseits aus deren Mitte ein gold- oder silberhaltiger geboren wird, so werden sie ihn ehren und teils unter die Wächter, teils unter die Heller befördern, weil ein Götterspruch besage, daß dann das Gemeinwesen verloren sei, wenn Eisen oder Erz es bewache. Daß nun dieses Märchen bei ihnen Glauben fände, siehst du dazu eine Möglichkeit?“ (Der Staat, 128-129)

Sokrates ist also der Meinung, dass niemand bis auf den Philosophen/Weisen, der den Götterspruch erfassen kann und daher die Moral des Märchens begreift, an dieses auch glauben kann. Die darin enthaltene Logik ist sowohl für den Staat als auch für das Individuum hoch relevant. Die Pflicht des Philosophen/Weisen besteht darin, den Menschen die Wahrheit zu erhellen, jedoch ohne sie offen auszusagen. Deshalb sagt Sokrates zu Glaukon: „dies wird gehen, wie die Sache es leiten wird.“

Es ist jetzt schon klar: die Rechtfertigung dafür, dass die Lüge tüchtig ist, ist die Annahme, dass die Menschen unterschiedlich veranlagt sind, und dass die gute, gerechte Ordnung eines Staates auf die Hierarchie der Menschen beruht, die nach ihrer Veranlagung gestaltet wird. Menschen der niedrigeren Art sollen von Menschen der höheren Art regiert werden, da die Tugenden stets von goldhaltigen Menschen, nicht von der eisen- und erzhaltigen Art abstammen. Aus der Natur (was man heute das Naturrecht nennt) des Volkes könnte sich keine moralische Gesellschaft herausbilden. Dies darf natürlich nicht offen gesagt werden, sonst wäre das Volk verärgert und sogar zum Aufstand – „Aufstand der Sklavenmoral“ – provoziert. Der Unterschied in der menschlichen Veranlagung wird von der Naturordnung bestimmt, nicht von irgendeinem Mächtigen hergestellt. Die höhere oder niedrigere Art ist daher kein Grund für den Stolz oder das Minderwertigkeitsgefühl. Allerdings „kann aber auch aus Gold ein silberner Nachkomme und aus Silber ein eherner gezeugt werden, und so auch die andern alle von einander.“ Die Stellung der Menschen in der Welt bleibt also nicht unverändert über Generationen. Jedoch kann nur ein Staat, der nach der Naturordnung aufgebaut wird, ein moralischer sein, dessen moralische Grundlage in seiner Berechtigung durch die Natur besteht.

Diese politische Intelligenz von Sokrates/Platon bleibt Nietzsche immer im Kopf. Nach dem Zarathustra-Buch schreibt er das Folgende:

„Unsere höchsten Einsichten müssen – und sollen! – wie Torheiten, unter Umständen wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubterweise denen zu Ohren kommen, welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmännern, kurz überall, wo man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und gleiche Rechte glaubte – das hebt sich nicht sowohl dadurch voneinander ab, daß der Exoteriker draußen steht und von außen her, nicht von innen her, sieht, schätzt, mißt, urteilt: das Wesentlichere ist, daß er von unten hinauf die Dinge sieht – der Esoteriker aber von oben herab! Es gibt Höhen der Seele, von wo aus gesehn selbst die Tragödie aufhört, tragisch zu wirken; [...] Was der höhern Art von Menschen zur Nahrung oder zum Labsal dient, muß einer sehr unterschiedlichen und geringern Art beinahe Gift sein. Die Tugenden des gemeinen Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster und Schwächen bedeuten; [...] Allerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran.“ (Jenseits von Gut und Böse, 30)

Dennoch hat Zarathustra bei seinem edlen Lügen kein lässiges und offenes Herz, muss vom Heulen eines Hundes unterbrochen werden und anschließend noch einen schrecklich wunderlichen Traum erleben. Die Situation ist folgende: Zarathustra kann nicht mehr verbergen und will dem Zwerg seine lakonische Worte entschlüsseln. Bevor dies geschieht, haben er und der Zwerg ein Gespräch geführt, dessen Inhalt fast identisch mit Sokrates‘ zögernd ausgesprochenen Worten an Glaukon ist:

„‚Halt! Zwerg!‘ sprach ich. ‚Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von uns beiden –: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht! Den – könntest du nicht tragen!‘ –

Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es war aber gerade da ein Torweg, wo wir hielten.

‚Siehe diesen Torweg! Zwerg!‘ sprach ich weiter: ‚der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die ging noch niemand zu Ende.

Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus – das ist eine andre Ewigkeit.

Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stoßen sich gerade vor den Kopf – und hier, an diesem Torwege, ist es, wo sie zusammenkommen. Der Name des Torwegs steht oben geschrieben: ‚Augenblick‘.

Aber wer einen von ihnen weiter ginge – und immer weiter und immer ferner: glaubst du, Zwerg, daß diese Wege sich ewig widersprechen?‘ –

‚Alles Gerade lügt‘, murmelte verächtlich der Zwerg. ‚Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis.‘

‚Du Geist der Schwere!‘ sprach ich zürnend, ‚mache dir es nicht zu leicht! Oder ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuß, – und ich trug dich hoch!‘

Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Torwege Augenblick läuft eine lange ewige Gasse rückwärts: hinter uns liegt eine Ewigkeit. [408]

Muß nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse gelaufen sein? Muß nicht, was geschehn kann von allen Dingen, schon einmal geschehn, getan, vorübergelaufen sein?“ (Also sprach Zarathustra: vom Gesicht und Rätsel)

Kurz danach vernimmt Zarathustra den Hund, der auf eine ihm schauerliche Weise heult.

Ein wunderbarer Text, nicht wahr? Anfangs versucht Zarathustra noch eine Geste aus dem Zeitalter der aristokratischen Herrschaft albern vorzuzeigen, jedoch springt der Zwerg unerwartet auf seine Schulter. Dann springt er aber wieder herunter, nicht aus Angst vor Zarathustras wütendem Brüllen, sondern weil es ihm bequemer ist, auf dem Stein zu hocken. Wenn Zarathustra mit allem Ernst über die Philosophie zu sprechen anfängt, erwidert er nur leichtfertig, dass alles „lügt“. Erst dann merkt Zarathustra, dass er ihn vorher zu „hoch“ getragen hat.

Ist hier die Verwandlung der Ordnung des Seins, die die Modernität der Aufklärung hervorbringt, nicht ganz sichtbar geworden? Die die Herrschaft der Aristokratie wohl legitimierende Naturordnung wird in der Neuzeit, besonders in der Aufklärung, gestürzt. Von wem? Vom Volk? Nein! Eben vom Philosophen, der wegen seines tiefgreifenden Denkens eigentlich an anderer Stelle des Seins steht als das Volk. Der Philosoph verzichtet auf das kontemplative Leben, das er eigentlich hätte führen sollen, und treibt stattdessen auf dem Markt die Aufklärung – er ebnet somit in der Tat die unterschiedlichen Veranlagungen ein und erhebt Menschen von der niedrigeren Art (nach Sokrates Klassifizierung). Der Naturzustand und das Naturrecht, Erfindungen der neuzeitlichen Philosophen, lösen die Naturordnung ab, so dass die Klassifizierung der menschlichen Veranlagungen nach wesensverschiedenem Metall und die dementsprechende Gestalt der gesellschaftlichen Ordnung als unmoralisch oder gar reaktionär angesehen wird. Die Folge des Ereignisses der Modernisierung ist daher: die legitimierte Basis der edlen Lüge existiert nicht mehr und die Grundlage der staatlichen Ordnung verändert sich wesentlich: Die Eisen- und Erzhaltigen können den Staat auch regieren oder mindestens mitverwalten. Der Spruch „die Niedrigen sind am klügsten“ ist auch kein Unsinn mehr, sondern kann zur Berechtigung der moralischen Ordnung des Staates beitragen.

Noch vorzüglicher ist die Antwort des Zwergs: „Alles Gerade lügt.“ Diese Sentenz hat ihren Ursprung sicherlich bei dem Philosophen. Wie kam der Zwerg sonst darauf? „Nicht daß du mich belogst, sondern daß ich dir nicht mehr glaube, hat mich erschüttert.“ (Jenseits von Gut und Böse, 183) Nietzsche sieht scharfsinnig ein, dass die tüchtige Lüge bei den Aufklärern zur niederträchtigen, dekadenten Lüge entartet ist. Wie der Nihilismus ist auch die Lüge bei Nietzsche zweideutig und es gibt eine edle und eine dekadente Form. Der Philosoph weiß, dass das Volk kein Leben in der Kontemplation führt und nicht nach der Wahrheit strebt, dass er selbst, nicht das Volk, das Recht in der Hand hat, zu definieren, was die Wahrheit ist. Deshalb erklärt Nietzsche den Willen zur Macht des Weisen als „Willen zur Wahrheit“. Angesichts des Willens zur Macht (des Glaubens) des Volkes fabriziert er, um der sozialen Solidarität willen, eine vage und ausschweifende Rederei, die nichts anders als die edle Lüge ist. Mit der edlen Lüge kommt er dem Volk nicht entgegen, er besteht nur darauf, die Wahrheit zu verbergen. Die dekadente Lüge hingegen sieht so aus: dem Philosoph ist es zwar ganz klar, dass das Volk sich nicht für die Wahrheit interessiert, aber er geht über seinen eigentlichen Dienst hinaus und spricht nur das, was mit dem Glauben des Volks konform geht. Er sucht den Wortführer des Volkes zu spielen, was heißt, dass er dem Volk das Recht zur Wahrheit übergibt. Der Dialog zwischen Zarathustra und dem Zwerg zeigt, wie sich das Verhältnis zwischen dem Philosophen und dem Volk wesentlich verändert: „Philosophy is not something for the people“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S. 74), aber die Philosophie beim Wortführer des Volkes klingt nach Eisen und Erz: „Die Philosophen werden zum Ungeziefer der Gesellschaft, sie vernichten das Glück, die Moral und die Kultur, letztendlich auch sich selbst.“ Die Philosophie in dieser Form ist nicht mehr die asketische Kontemplation, sondern eine Handwerkskunst. Dass Gelehrte und Wissenschaftler eines Tages die Philosophie mit ganz gutem Gewissen betreiben werden, ist dann auch kein Wunder mehr, oder?

„Auch bei den Philosophen, einer andern Art von Heiligen, bringt es das ganze Handwerk mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen: nämlich solche, auf die hin ihr Handwerk die öffentliche Sanktion hat – Kantisch geredet, Wahrheiten der praktischen Vernunft. Sie wissen, was sie beweisen müssen, darin sind sie praktisch – sie erkennen sich untereinander daran, daß sie über die ‚Wahrheiten‘ übereinstimmen. – ‚Du sollst nicht lügen‘ – auf deutsch: hüten Sie sich, mein Herr Philosoph, die Wahrheit zu sagen.“ (Götzendämmerung: Streifzüge eines Unzeitgemäßen, 42)

Nietzsche hat in seiner Jugendzeit schon erkannt, dass die Lüge der aufklärerischen Philosophen eine dekadente, d.h. eine schlechte ist: „the lie which occurs in the territory where truth is permitted [...] symbol of the forbidden lie: ‚fiat mendacium, pereat mundus‘ [...] the individual sacrifices the world to himself and to his existence.“ (Philosophy and Truth. Selections from Nietzsche's Notebooks of the Early 1870's, S.93) Die tüchtige/edle Lüge ist nur dann edel, wenn man zugunsten der Menschheit lügt. Die dekadente Lüge tut das Gegenteil. Die schlechte Lüge der Aufklärung fängt bei Spinoza an und vollendet sich bei Kant. Spinoza schreibt in zwei Sprachen, die voller Metaphern sind und zitiert die Bibel in Rücksicht auf seine persönliche Sicherheit, so dass er dem Volk eine Moral kreiert, die ihrem Geschmack entspricht. Er spricht zwar auf eine dem Volk schmeichelnde Weise, verteidigt insgeheim aber die Moral der glücklichen Minderheit. Nietzsche zufolge verbirgt die „Maskerade eines einsiedlerischen Kranken” mit einem „Hokuspokus von mathematischer Form” nur die eigene Philosophie. Wie er diese mit der „Liebe zu seiner Weisheit” „in Erz panzerte und maskierte”, verrät die Maskerade nur durch ihre „eigene Schüchternheit”. Wird der Gauklertrick mit der schlechten Lüge virtuos, dann entwickelt sich „die ebenso steife als sittsame Tartüfferie des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen Schleichwege lockt, welche zu seinem ‚kategorischen Imperativ‘ führen, richtiger: ‚verführen‘ (Jenseits von Gut und Böse, 5). Ein moderner Lügner/Philosoph, der in der Wende von Spinoza zu Kant eine entscheidende Rolle spielt, ist Rousseau, der für die Gleichheit agitiert und vulgäre Schriften verfasst. Nietzsche schreibt wütend: während die „blutige Farce, mit der sich diese Revolution abspielte” nur noch lächerlich sei, sei die „Rousseausche Moralität”, die mit der „Lehre der Gleichheit” „alles Flache und Mittelmäßige zu sich überredet”, zu hassen. “[E]s gibt gar kein giftigeres Gift: denn sie scheint von der Gerechtigkeit selbst gepredigt, während sie das Ende der Gerechtigkeit ist.” (Götzendämmerung: Streifzüge eines Unzeitgemäßen, 48) Kein Wunder, dass Nietzsche Rousseau als seinen größten Feind betrachtet. Wenn der aufklärerische Philosoph „mit der tugendhaften Begeisterung” „die scheinbare Welt ganz abschaffen” will, dann existiert das reale Leben auch nicht mehr. In der Welt der Aufklärung ist es eine Pflicht des Philosophen geworden, die Lügen aufzudecken:

„[I]ch selbst gerade habe längst über Betrügen und Betrogenwerden anders denken, anders schätzen gelernt und halte mindestens ein paar Rippenstöße für die blinde Wut bereit, mit der die Philosophen sich dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum nicht? Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, daß Wahrheit mehr wert ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene Annahme, die es in der Welt gibt.“ (Jenseits von Gut und Böse, 34)

Seit die Theorie der Metall-Hierarchie von sich für Freiheit und Gleichheit einsetzenden Philosophen abgeschafft wurde, entartet die edle Lüge zur dekadenten. Nietzsche scheint mit der „ganz unschuldigen” Lüge irgendetwas im Leben retten zu wollen. Was aber soll das sein? 

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