Vortrag/Talk: Sun Zhouxing

(deutsche Übersetzung)

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Sun Zhouxing

(Philosophische Fakultät der Tongji-Universität, Shanghai)


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4. Nietzsche und die Frage der Aufklärung in China

 

Ich habe eine nicht so sehr strenge Meinung, auf der Ebene des materiellen Lebens der Menschheit wird unsere Zeit von Philosophen Karl Marx beeinflußt und auf das geistige Leben nimmt der Philosoph Friedrich Nietzsche den Einfluß. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts hat Marx schon prophezeit, daß auf Grund der immer höher entwickelten Produktivität eine globale wirtschaftliche Gemeinschaft entstehen wird und auch ein Fortgang zur allgemeinen Kommunikation der Menschheit. Für das geistige Leben wie Religion, Kunst und Philosophie hat Nietzsche im Jahre1883 wie folgt prognostiziert: „Noch ein Jahrhundert Leser – und der Geist selber wird stinken.“ Ein weiteres Beispiel ist: Als die Elektronik und die Medien noch nicht in das menschliche Leben eingedrungen sind, hat Nietzsche bereits vorausgesagt, „Damit kommt für den Schauspieler das goldene Zeitalter herauf -, für ihn und für Alles, was seiner Art verwandt ist.“ Als die modernistische Kunst der Subjektivität ihre Begabung erstmals zeigt, nannte er die moderne Kunst als „eine Kunst zu tyrannisiren“. Derartige Prophezeiungen von den beiden überraschen uns auch heute immer noch.

Die beiden deutschen Philosophen - Marx und Nietzsche - haben den tiefsten und stärksten Einfluß auf die Entwicklung Chinas im 20. Jahrhundert genommen, fast kann man sagen, daß die beiden die Veränderung der sozial-politischen Zustände sowie die Geistes- und Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert stark bestimmt haben. Die chinesische Geistes- und Kulturgeschichte im 20. Jahrhundert kann man zu einem großen Teil als die „Geschichte der Aufklärung“ im Reich der Mitte verstehen. Im 20. Jahrhundert sind zwei großen chinesischen Kulturbewegungen im aufklärerischen Sinne aufgetreten: die erste ist die 4.-Mai-Bewegung, bzw. die Neukultur- Bewegung im Anfang des 20.Jahrhunderts (1919) und die zweite ist die Bewegung der Befreiung von der Ideologie in den 80er Jahren (die Reformation nach der Kulturrevolution oder nach der maoistischen Ära). In diesen beiden kulturellen Bewegungen haben Marx und Nietzsche -- und insbesondere Nietzsche -- eine entscheidende Rolle gespielt.

Im Jahr 1904 hat Wang Guowei „Über Nietzsches Bildungsideen“ und „Die Biographie von dem großen deutschen Kulturrevolutionär Nietzsche“ usw. veröffentlicht, wo er Nietzsches Philosophie dem chinesischen Leser vorgestellt hat. Damit das erste „Nietzsche Fieber“ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in China ausgebrochen. Zwischen 1915 und 1919 erschien in der chinesischen Zeitschrift „Xin Qingnian“ („Zeitschtift der Neuen Jugend“), die mit der damaligen Zeitschrift „Berlinische Monatsschrift“ ein vergleichbares Gewicht hat, eine weitere Reihe von Abhandlungen über Nietzsche, die einen direkten Einfluß auf die Neukulturbewegung haben. Der leidenschaftlichste Nietzsche-Verehrer und Beeinflußter ist ohne Zweifel der Schriftsteller und Denker Lu Xun. Er war als „chinesischer Nietzsche“ bekannt. Im Jahr 1907 lobt Lu Xun in einem Aufsatz „Über die kulturellen Vorurteile“ Nietzsche als großer Gelehrter und Weiser, dessen Beobachtungen gehen über die Maßen hinaus. Er lobt Nietzsche, daß er tief denken und weit blicken kann, so daß er die Falschheit und Unrichtigkeit der modernen Zivilisation enthüllt hat. Lu Xun bezeichnet Rebellen gegen die Tradition wie Nietzsche als „die Medizin gegen das Übel der Tradition, die Flüssigkeit und Nahrung für das neue Leben“. Er hat die Vorrede von “Also Sprach Zarathustra” im Jahre 1918 übersetzt. Zuerst hat er 3 Abschnitte ins klassische Chinesische übersetzt und dann 9 Abschnitte ins moderne Chinesische. Später hat sein Schüler Xu Fancheng die Übersetzungsarbeit vollendet. Es ist eindeutig, daß in manchen von Lu Xuns Werken wie „Wildgras“ und „Tagebuch eines Verrückten“ Nietzsche klare Spur hinterlassen hat.

Die Nietzsche-Rezeptionsgeschichte in der 4.-Mai-Bewegung der chinesischen Aufklärung hat einen auffallenden Charakter, nämlich schroffes Besetzen und Schlingen. Mit Lu Xun's Wort heißt es ein reines „Übernehmen“. Auch wenn Nietzsche derzeit in China viele Verehrer und Befürworter hat, hat eine Nietzsche-Forschung im akademischen Sinne noch nicht richtig stattgefunden, denn die Übersetzungsarbeit von Nietzsches Werken ist noch nicht qualitativ und quantitativ entfaltet. Dementsprechend war das Nietzsche-Bild eher ein „legendäres“. Vielleicht wäre das alles nicht so dramatisch, wenn nicht die Gelehrten der 4.-Mai-Bewegung wie Lu Xun Nietzsche als Mittel für die Aufklärungskampagne benutzt hätten. Die chinesischen Intellektuellen der 4.-Mai-Bewegung haben Nietzsche als Waffe und Instrument genutzt, um eine Kampagne gegen die chinesische Tradition zu führen, und das Individuum zu entfalten — in Lu Xuns Auge ist Nietzsche nichts anders als „Zerstörer von dem Götze“ und „Zerstörer der Fahrtbahn“.

Die kulturelle und geistige Strömung, die gleichzeitig mit der Reformpolitik in den 1980er Jahren (Post-Mao-Ära) entstanden ist, wird oft als die Zweite Aufklärungsbewegung Chinas genannt, bzw. die Befreiung des Geistes in der postkulturrevolutionären (Post Mao Zedong) Zeit. Nach der Zeit der Kulturrevolution (nachdem Mao Zedong gestorben ist) wurden die Chinesen gerade von der Unterdrückung von der politischen Ideologie befreit. Man sehnt sich besonders stark nach der individuellen Freiheit, dementsprechend ist eine prächtige kulturelle Strömung entfachtet — sie wurde offiziell oft als „bürgerliche Liberalisierung“ abgestempelt. 1980 habe ich mein Studium an der Universität angefangen, und habe die Spannungen zwischen der politischen Autorität und der Strömung der Liberalisierung persönlich erfahren. Fast aller zwei oder drei Jahre hat es eine Kampagne gegen die Liberalisierung von der chinesischen kommunistischen Partei hervorgerufen, bis zur 4.-Juli.Bewegung in 1989, die mit dem Niederschlag tragisch beendet worden ist.

In den kulturellen Strömungen der 80er Jahre war das "Ästhetische Fieber" repräsentativ. Die Studien der Kants Philosophie und Ästhetik von Li Zehou, die ästhetische Forschung und Übersetzung Nietzsches von Zhou Guoping und die Forschung der poetisierten Philosophie von Liu Xiaofeng vertreten die allgemeine akademische Tendenz in China. In den 80er Jahren haben die chinesischen Intellektuellen gegenüber der Ästhetik ihre fanatische Geste gezeigt. Wo die Ästhetik weltweit ihren Niedergang erlebte, erreicht sie in China einen starken Aufschwung. Das Phänomen überrascht wirklich und macht gleichzeitig auch traurig. Man muß nach der Motivation fragen. Eine Antwort ist offenbar: man hat versucht durch einen Umweg, d.h. im Namen der ästhetischen Freiheit und Befreiung die Freiheit Geistes und Befreiung des Individuums zu erreichen.

Auch in diesem sogenannten „ästhetischen Fieber“ spielt Nietzsche eine wichtigste Rolle. In 1986 hat Zhou Guoping sein Werk „Nietzsche: auf der Jahrhundertswende“ und seine Übersetzung von Nietzsches Werk „Die Geburt der Tragödie: Ausgewählte ästhetische Schriften von Nietzsche“ veröffentlicht, dies hat einen großen Wirbel in der chinesischen Gesellschaft verursacht. Zur gleichen Zeit wurden wichtige Werke Nietzsches allmählich ins Chinesische übersetzt, aber weder Nietzsche-Forschung noch Nietzsche-Übersetzung waren damals noch ausreichend. Es ist noch nicht das Wesentliche, das Wesentliche ist, daß Nietzsche im chinesischen akademischen Kreis ausschließlich als „ästhetisierter Nietzsche“ und „Nietzsche der poetisierten Philosophie“ gestaltet ist. Nietzsche wurde ein Etikett wie Wille zum Leben, Freiheit von Ästhetik und Befreiung der Individualität aufgeklebt, d.h. er wird zum schönen Werbemerker in China gemacht.

Trotz des Wechsels und der Verschiebung des geschichtlichen Kontextes hat Nietzsche in der ersten Aufklärung (in der ersten Helfte des 20. Jahrgunderts) und in der zweiten Aufklärung (in der zweiten Helfte des 20. Jahrhunderts) nicht die gleichen Bedeutungen und Auswirkungen. Während die chinesischen Intellektuellen in der ersten Aufklärung Nietzsches Rebellionscharakter in den Vordergrund stellten, um die traditionelle chinesische Kultur, vor allem den Konfuzianismus anzuprangern, nutzten die nachkommenden Intellektuellen Nietzsche eher als Waffe, um sich dem politischen Druck widerzusetzen. Die beiden Generationen haben zwar ihre unterschiedlichen Gegenstände in der Gesellschaft, in einem Punkt sind sie aber einig, sie haben Nietzsche als einen Philosophen vorgestellt, der „die Tradition negiert, das Leben achtet und das Individuum befürwortet.“

Wie kann man heute die Aufklärungsbewegung Chinas im 20. Jahrhundert beurteilen? Hier möchte ich mich auf die Meinung von Jin Guantao beziehen, der Repräsentant der zweiten Aufklärung ist. Nach Jin Guantao ist die Neukultur-Bewegung „eine noch nicht vervollständigte Aufklärungsbewegung Chinas“. Die Charaktere dieser Bewegung liegen eben darin, die traditionelle Kultur zu negieren, alle traditionellen Werte umzuwerten und die zwei modernen Werte zu befürworten, nämlich die Wissenschaft (den Wissenschaftsrationalismus) und das Menschenrecht. Bedauernsweise hat es in der späteren Phase der Aufklärungsbewegung ein Wechsel der Ideologien stattgefunden, statt Wissenschaft und Menschenrecht haben die drei Volksprinzipien und der Marxismus den Konfuzianismus ersetzt und sind die neue moralische Ideologie Chinas geworden, damit steht China unter Herrschaft der Staatsmacht und der Parteiideologie. Die Geistige Befreiungsbewegung in den 80er Jahren, die das sogenannte „kulturelle Fieber“, das an sich eine Fortsetzung der Aufklärungsbewegung von 4. Mai sein soll, ist leider kurzlebig, weil sie vom der Bewegung 4. Juni 1989 unterbrochen worde. Jin Guantao appelliert auch noch heute: China bedürfte im Moment eine „dritte Aufklärungsbewegung“. Er meint, daß dem gegenwärtigen wirtschaftlichen Aufschwung Chinas entsprechend auch die rechtstaatliche Verfassung und politische Demokratie mit entwickelt werden sollen. Das Fehlen des politischen Fortschritts, das Wiederbeleben des blinden Nationalismus und des Konfuzianismus haben nur einen Grund, d.i. die Abwesenheit der Aufklärung.

Jin Guantao ist einer der wichtigen Persönlichkeiten; er gehört auch zu den wenigen Gelehrten, die immer noch ihren Stand zur Aufklärung festhalten und die Ideale der Aufklärung beibehalten. In heutigem China ist die Stimme zur Aufklärung in der Tat sehr schwach geworden. Abgesehen von der Ideologie der Staatsmacht und der Parteiherrschaft ist das Problem innerhalb des Intellektuellenkreises nicht zu übersehen, wegen des starken Meinungsunterschieds kämpfen die Intellektuellen selbst gegeneinander. „Aufklärung“ ist ein ideales Konzept aus Europa, aus dem Westen nach China gekommen. Sie ist von den zeitgenössischen Intellektuellen Chinas nicht als selbstverständlich zu akzeptieren. Die Legitimation und allgemeine Gültigkeit der Aufklärung wird in China in Frage gestellt. Deshalb greift diese Haltung zur Fortsetzung der Aufklärung von Jin Guantao zwangsläufig ins Leere.

Ich stimme persönlich voll mit der Meinung von Jin Guantao überein: China muß immer noch zum dritten Mal aufgeklärt werden. Anders formuliert, in China muß die Aufklärungsbewegung, die in der 4. Mai Bewegung wie in der Aufklärung in den 80er Jahren immer noch nicht vollendet worden ist, fortgesetzt werden. Dementsprechend ist es auch notwendig, den Prozess der politischen Demokratisierung zu beschleunigen. In China ist ein Phänomen zu beobachten, zeitgenössische Intellektuelle—vor allem die Intellektuellen nach der Bewegung vom 4. Juni —demonstrieren eine Haltung gegen Aufklärung, gegen Demokratie und rationale Werte, das finde ich nicht korrekt, sogar beschämend. Die 4. Mai Bewegung und die geistige Befreiungsbewegung in den 80er Jahren sind nicht perfekt, daraus können wir auch Lehren ziehen, das heißt aber nicht, daß wir heute Demokratie (Freiheit) und Wissenschaft (Ratio) ablehnen und auf sie verzichten müssten, das sind doch die Grundwerte der modernen Gesellschaft. Es ist gleich einem Verrat, wenn unsere Generation das Ideale der Grundwerte der älteren Generationen aufgeben würden.

Wo liegt die Schwierigkeit heute? Befinden sich die Intellektuellen in China und Europa in unterschiedlichen Situationen? Wenn ja, wo liegt der Unterschied? In Zeit der Globalisierung stehen wir alle gemeinsam vor der Frage der Aufklärung und vor deren negativen Folgen. Aber die jeweilige Situation ist ganz anders, die Komponenten, aus denen die Situation besteht, sind auch anders. Daß die europäisch-westlichen Intellektuellen die Modernität der Aufklärung kritisieren, ist eigentlich eine Art von Nachdenken der Aufklärung, und zwar vom Stand der Postaufklärung aus und auf der Basis der sowohl positiven als auch negativen Folgen der Aufklärung üben sie eine Selbstkritik. Das ist eher eine Kontroverse zwischen Alt und Neu, bzw. zwischen der Tradition und der Moderne. Im Vergleich zu Europa ist die Situation in China viel komplizierter. 1. Der Intellektuellenkreis hat zweimal Aufklärungsbewegung ins Leben gerufen und zweimal nicht vollendet; 2. Infolgedessen ist der Erfolg der Aufklärung nicht auf der Ebene der chinesischen Gesellschaft und Politik stabilisiert, und die politische Demokratisierung ist immer noch nicht auf die Tagesordnung der politischen Reform gebracht; 3. Seit mehr als 20 Jahren sind diverse Ideen aus Europa und den USA nach China eingeführt, das sind die Kritik der Metaphysik, Kritik der Moderne, Kritik der Aufklärung; 4. Die chinesischen Intellektuellen sollen sich nicht nur mit der Problematik der Moderne konfrontieren, sondern auch noch die chinesische Komponente miteinbeziehen, die eine Kontroverse (Kampf der Kulturen) zwischen China und Westen zwangsläufig in Gang setzt. Nun befinden wir uns in einem vielschichtigen, multidimensionalen, fast undurchsichtigen Kulturkontext.

 

5. Nietzsches Wiederkehr —Was bedeutet das

 

Seit 1989 sind die chinesischen Intellektuellen im Zwiespalt zwischen der politischen Macht und dem wirtschaftlichen Strom in eine neue Phase gelangt, wo sie eine interne Spaltung erlitten haben und heute immer noch erleiden. Diese Spaltung wandeln allmählich zum Konflikt und Kampf zwischen den „Neolinken“ und „Liberalen“. Diese Neolinken von heute sind ganz anders als die linken Intellektuellen in den 80er Jahren, und alles anderer als die politisch-ideologischen Linken in der Ära von Mao-Zedong. Die politische Ansicht der Neolinken liegt auf der philosophischen Grundlage der Sorge der Globalisierung, der Kritik der Modernität und der Reflexion der aufklärerischen Vernunft. Im Vergleich zu den Liberalen erhalten aber die „Neolinken“ in China relativ einfacher die Unterstützung der politischen Ideologie, dementsprechend stehen ihnen mehr Sprachrecht und Interessen zur Verfügung.

Selbst zu dieser Zeit, in diesem neuen Konflikt zwischen links und rechts, ist Nietzsche nicht in Vergessen geraten. Besonders haben die Akademiker mit der neolinken Neigung Nietzsche im Politischen als Antidemokrat und im Philosophischen als Aristokrat neu entdeckt. Diese neue Entdeckung wurde selbstverständlich von Liberalen kritisiert, dadurch ist eine Kontroverse um Nietzsche wiederum entfachtet. Wenn wir einen Rückblick auf die Situationen der zweimaligen Aufklärung in China machen und die beiden vergleichen, wenn wir sehen, daß Nietzsche heute wieder ein wichtiges Thema im chinesischen akademischen Streit wird, müssen wir eine Frage stellen, was diese „Nietzschefieber“ in der Gegenwart bedeutet?

Sprechen wir zuerst über Nietzsche in wissenschaftlicher Hinsicht, nämlich die Forschungen und die Übersetzungen in China. Im Vergleich zu den vorigen zwei Malen, haben die Anregungen zu Nietzsche heute eine bessere Grundlage. Auf der einen Seite hat die Befreiungsbewegung in den 1980er Jahren die Voraussetzungen dafür geschafften. Viele wissenschaftliche Erfolge haben schon zur Verfügung gestanden. Auf der anderen Seite gibt es schon die neusten Entwicklungen. Seit den 1990er Jahren, besonders seit dem neuen Jahrhundert, sind mehrere junge Gelehrten ins Forschungsgebiet eingetreten. Sie haben einige tiefere und zuverlässigere Forschungswerke und Abhandlungen vorgelegt. Aber im Allgemeinen fehlt der Nietzsche-Forschung in China noch der Kontakt und der Austausch mit der internationalen Forschungsarbeit, was auch das Problem im Bereich der ganzen Geistes- und Sozialwissenschaften in China zeigt.

Die Zustände der chinesischen Übersetzungen von Nietzsches Werke sind ziemlich gut und erstaunlich. Nietzsche ist schon der europäischen und westlichen Philosophen geworden, dessen Werke am häufigsten ins Chinesisch übersetzt wurden. Die Wiederübersetzungen der Werke von den modernen europäischen Philosophen sind sehr selten in China. Obwohl die Bücher von Karl Marx sehr früh ins Chinesisch übersetzt wurden, ist es für uns schwer, die chinesischen Wiederübersetzungen zu lesen. Martin Heideggers Werke wurden auch nur einmal übersetzt. Jedoch gibt es schon mehr als 15 übersetzte Versionen von Nietzsches Also sprach Zarathustra. Soweit ich weiß, kommen jetzt drei verschiedene chinesische Gesamtausgaben in Gang. Die erste Ausgabe geht um die Sammlung von Nietzsches Werken mit Kommentaren, deren Herausgeber Prof. Liu Xiaofeng ist. Diese Ausgabe mit Kommentaren enthält 12 Bände der Werke von Nietzsche, 5 Bände der unveröffentlichen Schriften und Nachgelassene Fragmente, 12 Bände der ausgewählten Schriften der Nietzsche-Forschung. Diese Ausgabe wurde seit 2007 vom Verlag der Huadong Pädagogischen Universität in Shanghai veröffentlicht. Die zweite Ausgabe „Sämmtliche Werke von Nietzsche“ wird von Prof. Sun Zhouxing aufgrund der Ausgabe von Giorgio Colli herausgegeben und seit 2010 im Shanwu Verlag veröffentlicht. Die dritte Ausgabe wird von Prof. Yang Hengda allein übersetzt, enthält 13 Bände Sämmtliche Werke, 8 Bände Sämmtliche Briefe, die von Giorgio Colli und Mazzino Montinari herausgegeben wurden und 5 Bände Frühe Schriften, die von Hans Joachim Mette, Karl Schlechta, Carl Koch herausgegeben wurden. Diese Ausgabe wird im Verlag der chinesischen Renmin Universität in Beijing erscheinen. Die obengenannten Übersetzungsarbeiten, die als Basis für die Nietzsche-Forschung in China gelten, sind sehr hilfreich. Daneben ist es beachtenswert, daß manche Forschungsschriften von den ausländischen Kollegen in dieerste Ausgabe aufgenommen wurden, die, obzwar mit gewissen persönlichen Neigung des Herausgebers, einen großen Beitrag zur Nietzsche-Forschung in China geleistet haben.

Die Wiederentdeckung von Nietzsche durch die chinesischen Gelehrten wurde theoretisch von dem deutschen Philosophen Martin Heidegger und der französischen Schule des Postmodernismus beeinflusst. Die chinesische Version von Heideggers Nietzsche (2 Bände)und die Übersetzungen der Werke von Michel Foucault und Jacques Derrida, die von Nietzsche angeregt wurden, haben dazu geführt, daß die chinesischen Gelehrten Nietzsche viel bedächtiger oder viel radikaler verstanden haben. Wir müssen beachten, daß dieser Einfluss von den USA eingeführt wurde und der deutsch-jüdische Gelehrte, der amerikanische neo-konservative Politikphilosoph Leo Strauss eine wichtige Rolle gespielt hat. Es scheint, daß Leo Strauss oft als Nichtorthodoxer in Westen angesehen wird. Aber In China hat er jetzt ziemlich viele Anhänger und Verehrer. Nachdem die chinesischen Gelehrten wie Prof. Liu Xiaofeng von Strauss gelehrt wurden, haben sie wieder Nietzsche entdeckt, der in den 1990er Jahren einmal unterschätzt wurde.

Was hat Leo Strauss uns gelehrt? Sein Anhänger, der amerikanische Gelehrte Laurence Lampert hat das kurz erläutert, nämlich den philosophischen Esoterizismus. Der Schwerpunkt des Esoterizismus besteht darin, daß Philosophen lügen müssen. Lampert hat im Buch Nietzsche und die moderne Zeit geschrieben, „ die Philosophie von Nietzsche hat gezeigt, daß es unvermeidbar für die großen Philosophen ist, zu lügen. Das Lügen ist jedoch edel und nötig.“ Warum müssen Philosophen lügen? Der Grund liegt darin, daß die Philosophen die tödliche Wahrheit wissen, das heißt, „die Änderung zeugt und beherrscht alles, alle Begriffe, Arte und Gattungen ändern sich immer. Es gibt keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen Menschheit und Tier.“ Wie kann das Volk diese Wahrheit wider das Leben wissen? Ferner hat Lampert geschrieben, „Kann die Gesellschaft auf dem Grund der philosphischen Wahrheit errichten? Plato war der erste Philosoph, der diese Frage gestellt hat. Nietzsches Plato hat festgestellt, Nein. Er muss für die gesellschaftliche Wohlfahrt edel lügen.“ Lampert nannte Bacon,Descartes,natürlich auch Nietzsche als Vorbilde des Esoterzismus in der philosophischen Geschichte.

Ein solches philosophisches Manifest, das die Verstand des Volkes verachtet, die Situation und den Kontext der Wirklichkeit ignoriert und die im Gegensatz zu der allgemeinen Vernunft stellt, ist für mich auf jeden Fall nicht gerade bewundernswert, Es ist besonders komisch, daß eine Anzahl der chinesischen Gelehrten Straussisten, die Anhänger des Esoterzismus, und Klassikfans geworden ist. Das Ziel scheint so, daß sie die klassische politische Philosophie von Strauss lernen möchten, um sich gegen die Moderne zu stellen. Philosophie muß edel lügen, welche gut für das Volk ist? --Hierbei gibt es keine Vernunft. Daneben ist der Satz „Philosophen müssen lügen“ entsprechend dem Esoterizismus auch eine Lüge? So muß man in eine Paradoxie geraten. Hat Nietzsche gelogen? Auch Strauss und Lampert? Die angebliche „Nietzsches Philologie“ von Lampert ist auch ein trügerischer Begriff ?

So ist Nietzsche durch Straussismus nach China wiedergekehrt und steht im Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Diese Wiederkehr orientiert sich nicht am Sinn der Aufklärung. Mit anderen Worten kann man sagen, daß Nietzsches Figur nicht mehr als einen antitraditionellen, das Leben jasagenden, die Individualität hervorhebenden Philosophen der Aufklärung gehalten wird. (Natürlich sollte man Nietzsche auch nicht so leicht sehen.) Im Gegenteil wird Nietzsche so zu einem Kritiker der Aufkärung und zu einem politischen Philosophen, der für die Herren-Moral und die Umkehrung nach der klassischen Welt, gegen die Idee von Fortschrift ist. Ist Nietzsche so? Tatsächlich hat Nietzsche manche Meinungen gegen die Aufklärung. Aber man sollte nicht vergessen, daß Nietzsche von dem Frühwerk Die Geburt der Tragödie an die Aufmerksamkeit auf die Endlichkeit und Eigentlichkeit des individuellen Daseins gerichtet hat. Damit hat er an der Aufklärung Kritik geübt und gleichzeitig jedoch eine neue Aufklärung, die sich am Individuum orientiert, skizziert. Selbst der Gedanke „die ewige Wiederkehr des Gleichen“ in seiner Spätzeit geht auch vom Sinn des individuellen Daseins aus. So ist Nietzsche als Philosoph ein Individualist und Existenzialist. Natürlich hat Nietzsche eine Neigung zum Altertum. Aber vielleicht haben Strauss und seine Schüler die Tatsache übersehen, daß das Werk von Nietzsche Jenseits von Gut und Böse, dem sie eine große Aufmerksamkeit geschenkt und das sie als den Beweis für ihre Meinung gehalten haben, einen Untertitel „Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“ trägt. Überhaupt ist Nietzsche ein sich an Zukunft orientierender Philosoph.

Die Anhänger von Leo Strauss im gegenwärtigen chinesischen akademischen Kreis gehört zu „Neuen Linken“ im weiten Sinne. Mit einer immer konservativeren politischen Position sind die einigen Vertreter zu extremen „Mao-Linken“ geworden. Prof. Liu Xiaofeng, einer der bekanntesten Intellektuellen in den letzten 30 Jahren, hat kürzlich einen Artikel geschrieben, in dem er über die historische Bedeutung der jahrhunderten Republik gesprochen hat. Er hat Mao sehr gerühmt, um die Legitimität der Republik, die von Mao errichtet wurde, zu finden. Liu Xiaofeng hat in diesem Artikel gezeigt, daß vor Maos Geburt keine Persönlichkeiten mit der politischen Tugend in der modernen chinesischen Geschichte entstanden sind. Politiker wie Sun Zhongshan gehören auch nicht dazu. Diese Meinung sieht einem Satz eines Revolutionsliedes sehr ähnlich, das heißt, „In China entsteht endlich ein Mao.“ Liu hat behauptet, daß der Grund, daß die kommunistische Partei von Mao die Republik schließlich errichten könnte, vor allem in ihrer Tugend der vertretenen Klassen liegt. Und woher kommt diese „politische Tugend“? Nach Liu sei es eine Mischung von der traditionellen chinesischen Tugend und der Tugend der westlichen Aufklärung. Es scheint so, daß es keinen Fehler in der ersteren gibt, während die letztere schuld ist. So ist Liu zu folgendem Ergebnis gekommen, „um zu dem Bewusstsein der Freiheit in der Weltgeschichte zu gelangen, muss die Republik moralische Lebenskraft haben. Für Mao liegt die Lebenskraft in der Volksdemokratie. In der Kulturrevolution hat die Tugend der Aufklärung die natürliche Tugend zerstört. Diese Zerstörung hat zu der Aufspaltung der Republik geführt. Mit Bezug auf das theoretische Verbrechen konnte der Einfluss der westlichen Aufklärung seine Hände deshalb nicht in Unschuld waschen.“

Diese Schlussfolgerung ist wirklich erschreckend. Auf die herkömmlichen Weise fördert Liu Xiaofeng die „moralische Herrschaft“, ohne über die „verfassungsmäßigen Herrschaft“ zu sprechen – ist es jedoch möglich, daß die historische Legitimität, die sich nur auf die politische Tugend stützt, bewiesen werden kann? Es ist schädlicher, daß Liu die westliche Aufklärung für die Tragödie in der chinesischen Geschichte, also die Kulturrevolution, verantwortlich macht. Auf diese Weise scheint es so, daß ein wichtiges Urteil in der Geschichte endlich gefällt werden und die große politische Tugend stolzieren kann. ----Warum kann man hierbei kein Esoterizismus finden?

Ohne Zweifel ist es notwendig, eine Reflexion über die Aufklärung und die Modernität anzustellen. Aber wenn die Reflexion als die Instrumente, die einige politische Persönlichkeiten oder manche politische Kreise verfechten, oder ferner als Ausrede für die politische Katastrophe und Verbrechen, benutzt werden, gerät sie auf Abwege. Die „Neuen Linken“ haben gar nicht entdeckt, daß die Bildung des demokratischen Mechanismus nicht der Invasion der Modernisierung im geistlichen und kulturellen Bereich zugeschrieben werden kann. Die Basis dafür liegt im weltweiten Ausbau der modernen Technik und des Systems der kommerziellen Produktion. Kurz gesagt, daß die globale Demokratisierung ihren technischen-materiellen Grund hat. Natürlich müssen wir das globale System und seine verschiedenen negativen und sogar gefahrlichen Folgen im technischen Zeitalter überdenken und kritisieren. Damit kann man aber nicht feststellen, daß wir keine Institutionen von Diskussionen und Verhandlungen brauchen.

Nun kommen wir zum Schluss. Wir haben gesehen, daß Nietzsche auf der einen Seite gegen die Aufklärung seit 18. Jahrhundert und auf der anderen Seite dadurch für eine neue Aufklärung ist, die über Moral und Revolution liegt und eine individuelle Lebenskraft fördert. Die erstere ist politisch, während die letztere philosophisch ist. Die beiden bilden ein wirres, unlösbar scheinende moderne Konflikte und Spaltungen. Von der philosophischen Perspektive kann man sehen, daß die politische Aufklärung und die Aufklärung sicherlich unvollständig, einseitig und problematisch ist. Aus der politischen Sicht geraten die philosophische Aufklärung und die Aufklärung auf die Abwege der Ungerechtigkeit und des Extrems. Sie ist manchmal konterrevolutionär, anti-demokratisch, anti-gleichberechtigt usw. Den von mir erwähnten Unterschied zwischen politischer und philosophischer Aufklärung haben die neolinken Intellektuellen nicht gemacht, sie haben auch nicht die nötige Spannung zwischen den beiden Positionen bewahrt. Nietzsches Paradox der Aufklärung, die Zwiefalt der Aufklärung, worüber wir schon gesprochen haben, wird weiter im chinesischen akademischen Kreis kontinuierlich fortgesetzt.

Man könnte sich vorstellen, wenn wir mit der Ansicht von Jinguan Tao einig sind, daß „die dritte Aufklärungsbewegung“ in China heute und in Zukunft notwendig ist. Dann spielt Nietzsche zweifellos immer noch eine zentrale Rolle. Doch In Bezug auf die jüngste Wiederkehr von Nietzsche, so finden wir, daß die Rolle von Nietzsche bei uns immer komplexer wird und sein Figur für uns wie eine Gespenst schwankt.

Zum Schluß noch eine Bemerkung: Bei der Problematik von Aufklärung können wir Nietzsche nicht umgehen.

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