Vortrag/Talk: Sun Zhouxing

(deutsche Übersetzung)

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Sun Zhouxing

(Philosophische Fakultät der Tongji-Universität, Shanghai)


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Nietzsche und die Aufklärung in China


Nietzsches Verhältnis zur Aufklärung sowie zur Aufklärungsbewegung war sehr kompliziert. Nietzsche kritisiert den Rationalismus des Sokrates-Platonismus und wird normalerweise als „Feind der Aufklärung“ oder sogar „Anti-Aufklärer“ bezeichnet. Andererseits hatte Nietzsche klar behauptet, daß er den Geist der Aufklärung zurückrufen und die Aufgabe der Aufklärung fortsetzen wollte. Er meinte, daß er „um ein paar Jahrhunderte Voltairen in der Aufklärung voraus“ sei. Im Ganzen gesehen, unter den Gelehrten der französischen Aufklärung, fand Nietzsche Rousseau eher unangenehm und bevorzugte Voltaire, aber manchmal hatte er auch Mitleid mit Rousseau und war kritisch gegen Voltaire. Die Position scheint prekär und instabil. Einerseits hatte Nietzsche mehrmals die Französische Revolution kritisiert, andererseits jedoch in vielen Stellen Napoleon gut bewertet. All dieses zeigt die Unklarheit der Beziehungen zwischen Nietzsche und der Aufklärung.

Die Komplexität des Problems zeigt natürlich auch auf die Wichtigkeit des Problems. Aufgrund der unterschiedlichen Antworten sowie Interpretationen zur Beziehungen zwischen der Bewegung der Aufklärung und der Französischen Revolution unterscheidet James Schmidt die Diskussion über die Aufklärung in 20. Jahrhundert in drei Richtungen. Schmidt bezeichnet Nietzsche als den Vertreter der dritten Richtung, nämlich „die neue Aufklärung Nietzsches“. Peter Heller zieht eine klare Linie zwischen der Aufklärung Nietzsches und der Aufklärung in 18. Jahrhundert. Über das Verhältnis Nietzsches zu Voltaire weist Heller darauf hin, daß Nietzsche den Namen „Voltaire“ vieleicht nur als eine Anzeige benutzt hat, um seine eigene Marke der Aufklärung einzuführen; das Merkmal dieser Aufklärung besteht allerdings darin, daß sie der alten Aufklärung im 18. Jahrhundert gegenübersteht.

Die Ansichten von Schmidt und Heller basieren auf den persönlichen Eindrücken von Nietzsche. Trotzdem möchten wir danach fragen, wie die Beziehung zwischen Nietzsche und der Bewegung der Aufklärung Europas in 18. Jahrhundert wirklich gewesen sein könnte? Gab es bei Nietzsche wirklich eine Art von "neuer Aufklärung" oder etwa die von Heller genannte eigene Marke der Aufklärung? Wenn ja, was für eine "Aufklärung" könnte das sein? Warum ist sie "neu"? Worin liegt die „neue Idee“? Kurz gesagt, war Nietzsche ein Philosoph der Aufklärung? Wenn ja, in welchem Sinn trat er als ein Aufklärer hervor?

Die Diskussionen über dieses Thema sind bereits sehr erregt. In der vorliegenden Arbeit werde ich versuchen, die Ideen der Aufklärung Nietzsches und seinen Standpunkt zur Bewegung der Aufklärung nur in drei Sätzen zusammenzufassen. Die drei Sätze sind wie folgt:

1. „Mein Kampf gegen das 18. Jahrhundert Rousseaus“. (Zitat Nietzsches)

2. "Zermalme den Pöbel (Ecrasez l'infame)!" (Nietzsche zitiert aus dem Werk von Voltaire).

3. "Licht bin ich: ach, daß ich Nacht wäre!" (Zitat Nietzsches).

Wir alle wissen, daß Nietzsches Philosophie die ideologischen und kulturellen Entwicklungen Chinas in 20. Jahrhundert tief greifend beeinflußt hat, insbesondere in der „neuen kulturellen Bewegung“ (die sogenannte erste Aufklärungsbewegung) am Anfang des 20. Jahrhunderts und der Bewegung der Denkemanzipation in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts (die sogenannte zweite Aufklärungsbewegung). In beiden Bewegungen ist Nietzsche eine Schlüsselfigur. Nietzsche aus Deutschland ist auch der Nietzsche Chinas. Wenn wir heute über das Problem der Aufklärung und die Aufklärungsbewegung Chinas nachdenken, müssen wir Nietzsche als ein wichtiges Thema ansehen. In der Tat haben wir gesehen, daß Nietzsche heute wieder ein wichtiges Thema im chinesischen akademischen Streit wird. Am Ende der vorliegenden Arbeit werde ich diese neue „Nietzschefieber“ in der Gegenwart darstellen und darüber diskutieren, was diese „Wiederkehr Nietzsches“ bedeutet.


1. „Mein Kampf gegen das 18. Jahrhundert Rousseaus“

 

Nietzsche hasste im ganzen Leben die überwiegende Mehrheit der Lebenden und Toten. Unter den Unbeliebtesten zählen zuerst Socrates und Rousseau. Er hatte die beide sogar oft bösartig angegriffen und beschimpft. Der Hass gegen Sokrates blieb die ganze Zeit hindurch bestehen. In seinem früheren Werk "Die Geburt der Tragödie" (1872) betrachtete Nietzsche Sokrates als Vernichter der griechischen Kultur der Tragödie. In den Notizen der siebziger Jahre bezeichnete Nietzsche Sokrates als "hässlichen Volksmann" und "Symptom des Verfalls" (Dekadenz). Nach Nietzsche sei ein "mächtiger Querkopf" wie Sokrates bereits genug, die nationale Kultur zu einer unumkehrbaren vernichtenden Folge zu führen. „Beim Sokrates vollzieht sich die Selbstzerstörung der Griechen“. Nach Nietzsche sei die frühe Philosophie (Philosophie zur Zeit der vorsokratischen Tragödie) unmoralistisch, d.h. ohne die sogenannte „garstige Pretension auf Glück“. Die Wurzel des Moralismus liegt in Individualismus. Sokrates war der Erste, der Angst um sich selbst zur der Seele der Philosophie werden ließ. Weit wichtiger ist, daß Nietzsche Sokrates als den Vorfahr und den Ursprung vom wissenschaftlichen Geist des Optimismus betrachtet. Da am frühestens bei Sokrates wurde ein fester „Wissenglaube“ herausbearbeitet: „Glauben an die Ergründlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens“.

Dieser "Wissenglaube" entwickelt sich zur modernen Vernunft der Aufklärung und wird als der fundamentale Glaube der Aufklärungsbewegung betrachtet. Dieser Glaube basiert auf den zwei Grundsätzen: Erstens, die Natur sei erkennbar; zweitens, die Wissenschaft sei allmächtig. Isaiah Berlin hat im seinen Hamannbuch das geistige Wesen der Aufklärungstradition in drei Glauben zusammengefasst: Erstens ist der Glaube an die Rationalität, nämlich der Glaube an eine aus dem nachweisbaren und erklärbaren Gesetz und Universalität bestehende logische Struktur; zweitens ist der Glaube an die Möglichkeit, daß man die Identität der menschlichen Natur und ein gemeinsames Ziel der Menschheit erkennen kann; drittens ist der Glaube an die Möglichkeit, daß man mittels der Vernunft das gemeinsame Ziel der Menschheit verwirklichen kann. Hier könnte man erkennen, daß die Zusammenfassung Berlins im Wesentlichen vom gleichen Interessenpunkt wie der „Wissengelaube“ Nietzsches ausging.

Aus seiner Kritik an Sokrates können wir die Grundhaltung Nietzsches gegenüber der Aufklärung und der Aufklärungsbewegung erkennen. Nietzsche hat von Sokrates die Eigenschaft des Rationalismus und Moralismus in der Hauptströmung der europäischen kulturellen Traditionen herausgearbeitet. Dadurch hat er die Voraussetzung der grundlegenden Konzepte der modernen Aufklärungsbewegung offenbart, nämlich der Rationalismus und der Universalismus. Aus diesem Zusammenhang kann man schließen, daß Nietzsche einen Anti-Aufklärungsstandpunkt haben muss und ein Philosoph der Anti-Aufklärung ist.

In einer Notiz mit dem Titel von "Meine fünf 'Neins'" im Herbst 1887 faßte Nietzsche seine eigenen Gedanken zusammen. Er kämpft hauptsächlich gegen fünf Ziele, außer der Vermoralisierung aller Philosophie und Werthschätzung, der christliche Ideal, der Romantik sowie der Überherrschaft der Heerden-Instinkte bringt er noch besondere Einwände gegen Rousseau, gegen das 18. Jahrhundert Rousseaus. Die vollständige Aussage Nietzsches lautet:

„Mein Kampf gegen das 18. Jahrhundert Rousseaus, gegen seine ‚Natur’, seinen ‚guten Menschen’, seinen Glauben an die Herrschaft des Gefühls – gegen die Verweichlichung, Schwächung, Vermoralisierung des Menschen: ein Ideal, das aus dem Haß gegen die aristokratische Cultur geboren ist und in praxi die Herrschaft der zügellosen Ressentiments- Gefühle ist, erfunden als Standarte für den Kampf. / –die Schuldgefühls-Moralität des Christen / die Ressentiments-Moralität (eine Attitüde des Pöbels)“

Bei Nietzsche wurde „Rousseau“ tatsächlich in einen stilistischen Ausdruck des 18. Jahrhunderts oder als ein Merkmal der Aufklärungsbewegung eingesetzt. Was hatte das „achtzehnte Jahrhundert“ den nachkommenden Generationen überhaupt hintergelassen? Das Erbe des achtzehnten Jahrhunderts ist das Erbe der Aufklärungsbewegung. Nietzsche hatte es deutlich gesehen. Es ist nichts anders als zwei Sachen: die Französische Revolution auf der politischen Ebene und die Philosophie Kants auf der philosophischen Ebene. In einer Notiz im Frühjahr 1888 bezeichnet Nietzsche die beide als "die beiden abscheulichsten Ausgeburten des 18. Jahrhunderts“ und „die beiden verhängnißvollen Farcen“. Nach Nietzsche basieren die beiden auf den „Haß gegen das Werden“. Die "zwei Farcen", sowohl die Französische Revolution als auch die Kantische Philosophie, sowohl die Praxis der revolutionären Vernunft als auch die Revolution der praktischen Vernunft, sind mit Rousseau untrennbar. Genau aus diesem Grund kämpft Nietzsche, mit seinem eignem Wort, „gegen das 18. Jahrhundert Rousseaus“.

Nietzsche hat scharfsinnig die revolutionäre These in den Gedanken Rousseaus entdeckt. Einfach gesagt: Die Natur der Menschlichkeit war gut, wurde jedoch unglücklicherweise von dem korrupten Sozialsystem beschädigt und verwandelt sich zum Bösen. Daher ist die Revolution notwendig geworden. In seinem Werk „Menschliches, Allzumenschliches„ (Band I, Paragraph 463, mit dem Titel „Ein Wahn in der Lehre vom Umsturz“) faßt Nietzsche die Glauben der modernen Revolutionäre zusammen und bezeichnet sie als „Aberglaube Rousseaus“:

„Es giebt politische und soziale Phantasten, welche feurig und beredt zu einem Umsturz aller Ordnungen auffordern, in dem Glauben, daß dann sofort das stolzeste Tempelhaus schönen Menschenthums gleichsam von selbst sich erheben werde. In diesen gefährlichen Träumen klingt noch der Aberglaube Rousseau’s nach, welcher an eine wundergleiche, ursprüngliche, aber gleichsam verschüttete Güte der menschlichen Natur glaubt und den Institutionen der Cultur, in Gesellschaft, Staat, Erziehung, alle Schuld jener Verschüttung beimisst.“

Hier fand Nietzsche die moralische Voraussetzung der revolutionären Idealen Rousseaus und offenbarte die Grundlage des Moralismus der Französischen Revolution.

Im Gegensatz zu den klassischen deutschen Philosophen, die sich für die Französische Revolution sehr begeisterten, hat Nietzsche nie ein positives Werturteil die Französische Revolution geäußert. Im Gegenteil betrachtet Nietzsche die Französische Revolution als ein Teil der moralischen Kultur des Christentums sowie einer der wichtigsten Faktoren, der den modernen Nihilismus förderte. Die Grundsätze der Französischen Revolution wie "Gleichheit" und "Freiheit" usw. sind für Nietzsche nichts anders als die Säkularisierung des Christentums, nämlich die Säkularisierung von den Lehren über die Gleichheit aller Seele vor dem Gott und die Willensfreiheit. Einige Kommentatoren haben darauf hingewiesen, daß Nietzsche in hohem Maße durch Interpretationen von Rousseau und der Moralphilosophie Kants den „Text“ der Französischen Revolution ausgelegt hatte. Deswegen es könnte sein, daß Nietzsche den "Text" zwangsläufig missverstanden hatte und es keine Möglichkeit gab, das Problem über die politische Legitimität der Revolution sowie das Problem über die soziale und politische Gerechtigkeit zu diskutieren.

Die Kritik Nietzsches an Rousseau konzentriert sich auf das Konzept der "Gleichheit". Heller wies auch darauf hin, daß der von Nietzsche genannten „Rousseauismus“ „ein revolutionär extrem-utopischer Egalitarismus“ sei. Alle Gedanken Nietzsches sind „gefüllt vom Misstrauen gegen Gleichheit“. Dieses Misstrauen beruht auf das grundlegende Bestreben der Lebensphilosophie (Philosophie des Willens) Nietzsches, nämlich das Bereichern, das Erheben und das Verstärken des Lebenswillens. Die von diesem Bestreben herausgebildete Betonung der Vornehmlichkeit und der Würde des Lebens veranlaßt Nietzsche, Voltaire nahe zu kommen und sich Rousseau zu entfremden, und sich jeder Moralisierungstendenz, die das Schwächen des Lebens ermöglicht, zu widersetzen. Es führt Nietzsche zum Gegensatz der Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts.

 

2. Grandseigneur des Geistes - Voltaire: „Zermalme den Pöbel!“ (Ecrasez l'infame)

 

Nietzsche verehrt Voltaire sehr. Diese Haltung steht in auffallendem Gegensatz zu seiner Abneigung gegen Rousseau. Wir wissen, daß in der ersten Auflage des Werks „Menschliches, Allzumenschliches“ (1878) eine Widmung für Voltaire stand, - obwohl die Widmung in der zweiten Auflage in 1886 ausgenommen wurde. Nietzsche erwähnt Voltaire mehrmals lobend. Bis 1887, am Ende seiner geistigen Karriere, behauptet Nietzsche immer noch: Voltaire zu unterstützen oder Rousseau zu unterstützen, ist das Kriterium für die Beurteilung des Wertes einer Person. Für derartige Aussagen muss man nicht unbedingt ernst nehmen, aber die Verehrung Nietzsches für Voltaire ist grundsätzlich konsistent.

Warum hatte Nietzsche Voltaire so bewundert und hoch geschätzt? Erstens, in Bezug auf die geistliche Welt und das Temperament betrachtet Nietzsche Voltaire als Ähnliche oder Vorbild. In seinem Werk „Ecce homo“ hatte Nietzsche geschrieben, daß Voltaire gleich wie er selbst „Grandseigneur des Geistes“ sei. Nach Nietzsche ist Voltaire einer der letzten Menschen gewesen, „welche die höchste Freiheit des Geistes und eine schlechterdings unrevolutionäre Gesinnung in sich vereinigen können, ohne inconsequent und feige zu sein“. Voltaire deutet vorweg eine langfristige Vision Nietzsches hin, nämlich die Verwirklichung einer Kombination von der adeligen Zivilisation und der Freiheit des Geistes. Die wahre Freiheit des Geistes gehört nicht zu dem Rowdy und dem Pöbel. Nur eine sehr kleine Anzahl von adligen Personen könnte diese Freiheit genießen. Solche adelige Position zur Gleichberechtigung führt zur anti-revolutionären Haltung Nietzsches. Im Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ (Band I, Paragraph 463, „Ein Wahn in der Lehre vom Umsturz“) hat Nietzsche gegen „den optimistischen Geist der Revolution“ Rousseaus einen berühmten Satz Voltaires geschrieen: „Ecrasez l'infame!“ Danach hat Nietzsche weiter geschrieben: „Durch ihn (den optimistischen Geist der Revolution) ist der Geist der Aufklärung und der fortschreitenden Entwicklung auf lange verscheucht worden: sehen wir zu – ein Jeder bei sich selber – ob es möglich ist, ihn wieder zurückzurufen!“

War Nietzsche nicht gegen Aufklärung? Warum wollte er hierher den „Geist der Aufklärung“ zurückrufen? So sind wir zurückgekommen zu den Thesen von Schmidt und Heller sowie zu den Fragen, die wir am Anfang gestellt haben. Nach Schmidt gab es bei Nietzsche eine Art von „neuer Aufklärung“. Heller nennt sie Nietzsches eigene Marke der Aufklärung. Die Beiden haben angenommen, daß Nietzsche gegen der „alten Aufklärung“ und im Bestreben nach neuer Aufklärung sei. Man kann auch so sagen, daß Nietzsche die Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts als irrig betrachtet. Was er zurückrufen möchte, ist der wahre „Geist der Aufklärung“.

In einer solchen Konfrontation ist es nicht schwer, die Besonderheit der neuen Aufklärung Nietzsches zu entdecken. Wie oben diskutiert wurde, ist die neue Aufklärung Nietzsches zuerst anti-revolutionär. Im Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ (Band II, Paragraph 221, „Die Gefährlichkeit der Aufklärung“ wies Nietzsche darauf hin: „Alles das Halbverrückte, Schauspielerische, Thierisch-Grausame, Wollüstige, namentlich Sentimentale und Sich-selbst- Berauschende, was zusammen die eigentlich revolutionäre Substanz ausmacht“. Nach Nietzsche wird man nur beim Begreifen der Gefährlichkeit der Aufklärungsbewegung wissen, „aus welcher Vermischung man sie herauszuziehen, von welcher Verunreinigung man sie zu läutern hat: um dann, an sich selber, das Werk der Aufklärung fortzusetzen und die Revolution nachträglich in der Geburt zu ersticken, ungeschehen zu machen. James Schmidt hat darauf hingewiesen, daß das Ziel Nietzsches darin liegt, die Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts von ihrem Verhältnis zur demokratischen Revolution zu befreien. Das Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ wurde auch zu diesem Zweck verfasst. Nach Nietzsche sei die Aufklärung nur für das Individuum geeignet. Die Aufklärung geht von Individualität aus. Es ist weder mit der Revolution oder mit Moral zu tun.

Aus der Sicht der modernen demokratischen Politik sind die Bemühungen Nietzsches, die neue Aufklärung anzustreben, natürlich reaktionär. Diese anti-revolutionäre, nicht-moralische und individualisierte Aufklärung ist mit dem Elitismus und der aristokratischen Haltung Nietzsches verbunden. Heller bezeichnet Nietzsche als das „liberal aristokratische Individuum“, das an das Privileg der Eliten glaubte. Aus diesem Grund erreicht Nietzsche die gleiche Position Voltaires und geht von Zeit zu Zeit mit dem bösartigen Motto Voltaires vor: „Ecrasez l'infame!“.

Das ist jedoch noch nicht alles. Das zentrale Problem liegt darin: das Revolutionieren und die Moralität der alten Aufklärungsbewegung machen es nach Nietzsche unmöglich, das grundlegende Problem über Menschlichkeit und Dasein des Lebens zu begreifen. Die alte Aufklärungsbewegung ist nach Nietzsche nur die Aufklärung auf der politischen Ebene. Aber im Werk „Unzeitgemäße Betrachtungen“ hat Nietzsche bereits diesen Weg geleugnet:

„Jede Philosophie, welche durch ein politisches Ereigniss das Problem des Daseins verrückt oder gar gelöst glaubt, ist eine Spaass- und Afterphilosophie... Wie sollte eine politische Neuerung ausreichen, um die Menschen ein für alle Mal zu vergnügten Erdenbewohnern zu machen?“

Dieses Zitat hat tieferen Sinn. Die Frage nach Leben / Dasein ist nicht nur eine Frage der Moralphilosophie oder ein politisches (wissenschaftliches) Problem, sondern bezieht sich auf das Ganzsein sowie die Grundlage. Daher brauchen wir eine tiefere, umfassende philosophische und metaphysische Lösung.

Vielleicht genau an dieser Stelle hat Nietzsche bei dem Aufklärungsproblem Voltaire überwunden und sogar übergeholt. Obwohl Voltaire gegen das Christentum war und die Kirche sowie den Klerus kontinuierlich kritisierte, hat Voltaire nach Nietzsche den „Irrtum des Altertums“ nicht erkannt, kann den Irrtum natürlich auch nicht beseitigen. Was ist der so genannte „alte Irrtum“? Es ist der Irrtum des Moralismus, d.h. der erste Sinn, den Nietzsche der Figur „Zarathustra“ gegeben hat. Im Werk „Ecce homo“ betont Nietzsche ausdrücklich: Zarathustra hat die Moral (Gute und Böse) metaphysisiert und dadurch einen „sehr verhängnisvollen Irrtum“ verursacht. Nach Nietzsche wird dieser „Irrtum“ später von der platonischen Philosophie und der christlichen Theologie aufgenommen und fortgesetzt und entwickelt sich zur Vorstellungstradition einer so genannten „wahren Welt“ oder des Jenseits. Nietzsche hat den Irrtum zusammengefasst als „Fehler der Psychologie“ und „Physiologische Verwirrung“. Nach Nietzsche hat nicht der „Instinkt des Lebens“, sondern der „Instinkt der Lebens-Müdigkeit“ die andere Welt (das Jenseits) geschafft.

Nach Nietzsche sei es Voltaire offensichtlich nicht gelungen, tief in die Dimension der metaphysischen Kritik einzudringen. Für einen solchen katastrophalen metaphysischen Irrtum bleibt die zynische Kritik Voltaires hilflos. Dieser Irrtum muß sich auf der philosophischen Ebene radikal und vollständig beseitigen lassen. Wir wissen, daß es das Bestreben Nietzsches war, in der späteren Periode ein philosophisches System aufzubauen, dessen Gedankenkern auf dem„Willen zur Macht“ und der „Ewigen Wiederkehr des Gleiches“ basiert. Damit versucht er, das Dasein des menschlichen Lebens und den Wille des Lebens tief zu verstehen und auszulegen. Diese neue Interpretation soll nicht-moralistisch sein; die altmodischen Aufklärer wie Voltaire wurden jedoch von der christlichen Moral beschränkt und waren für Nietzsche im Grunde immer noch „Allzumenschliches“.

Ob Nietzsche ein Aufklärer ist? Die Antwort ist ja und nein. Der Kern des Problems liegt darin, was für eine Aufklärung es ist? Nietzsche ist offensichtlich gegen die Aufklärung sowie die Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts, andererseits befürwortet er eine übermoralische, anti-revolutionäre, neue Aufklärung, die die starke Lebenskraft des Individuums fördert, also eine Aufklärung der Anti-Aufklärung. Wir können vielleicht so zusammenfassen: im politischen Sinne ist Nietzsche ein Anti-Aufklärer, unter dem philosophischen Aspekt ist er jedoch ein Aufklärer.

Dies ist eine Art von den unübersichtlichen und schwer zu überwindenden Konflikten und Zwiespalte der Modernität, denen die Intellektuellen (Gelehrten) von heute nicht entkommen können. Unter dem philosophischen Aspekt ist die politische Aufklärung unvollständig, teilweise und problematisch; unter dem politischen Aspekt ist die philosophische Aufklärung und Aufklärungsbewegung reaktionär und extrem (Anti-Revolution, Anti-Demokratie und Anti-Gleichberechtigung). Gibt es einen mittleren Weg zwischen den beiden?

 

3. „Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre!“

 

In seinem Nietzsche-Buch hat Heidegger darauf hingewiesen, daß die häufigste verwendete Methode von Nietzsche „ein ständiges Umkehren“ sei. Dafür gab er ein Beispiel: Schopenhauer hat das Wesen der Kunst als „Quietiv des Lebens“ deutet. Nietzsche hat es umgekehrt und die Kunst als das „Stimulans“ des Lebens bezeichnet. Über die Frage – „Was ist die Wahrheit“ - verwendete Nietzsche wieder die Methode der „Umkehrung“ und sagte: „Wahrheit ist die Art von Irrtum.“ Nach Heidegger wurde die Methode der Umkehrung Nietzsches manchmal sogar zur bewussten Sucht entwickelt. Alles wurde umgekehrt. Nietzsche hat sogar oft Sprichwörter und Aphorismen umgekehrt, wie z.B. er hat das Sprichwort „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“ umgedreht: „Und wer heute am besten lacht, lacht auch zuletzt“ usw.

Wenn es so wäre, ist Nietzsche wirklich langweilig, als ob er ein bloßer Neinsager und Unruhestifter ist. Aber Heidegger hat uns auch erinnert, daß wir Nietzsche nicht so leichtfertig betrachten sollen. Meiner Meinung nach entwickelt sich die Methode des Umkehrens Nietzsches nicht nur aus Grund der Rhetorik, sondern auch mit der tiefsinnigen Wurzel des Denkens, nämlich die „Dualität“, die der Sache entspricht, oder - mit den Worten Heideggers in der späteren Periode - das Denken der „Zwiefalt“. Bereits in seinem Werk „Die Geburt der Tragödie“ hat Nietzsche versucht, die Kunst mit der „Zwiefalt“ zu interpretieren. Er bestimmt das wesentliche Merkmal der Kunst mit der „Duplicität“ von Apollo und Dionysos und betont die Bewegung der „Dualität“, die sich miteinander unterscheiden und überschneiden. Damit setzt Nietzsche sich der Bestimmung der „Heiterkeit“ der antiken Kunst von den klassischen Gelehrten wie Winkelmann wider.

Wir müssen noch darauf hinweisen, genau wie wir die „Zwiefalt“ und den „Austrag“ von spätem Heidegger mit der Dialektik von Hegel nicht ins Gleiche setzten, dürfen wir Niezsches Dualität auch nicht einfach mit der Dialektik identifizieren. Sowohl Nietzsche als auch Heidegger wollen die Spannungsbewegung der Unterschiede betonen.

Diese Denkweise ist bis in den späteren Werken Nietzsches beibehalten. Wenn Nietzsche die Zarathustra-Figur als "Nicht-Moralist“ und als Lehrer „der ewigen Wiederkehr des Gleiches“ bezeichnet hat,und ihr die doppelten Sinne gegeben hat, steht er tatsächlich vor dem Problem der Dualität, d.h. des Negativen und des Positiven, der Ablehnung und der Bejahung, der Dekonstruktion und der Konstruktion. Nach Nietzsche hat Zarathustra nicht nur mit einem gewissen unerhörten Maß das „Nein“ ausgesagt. Er hat alles negiert, was die Menschheit bisher als positiv gehalten hat, gleichzeitig aber bejaht er ewig alle Dinge. Anhand der Dualität des Verneinens und Bejahens von Zarathustra nennt Nietzsche ihn als „Tänzer“. Das Gedicht „Das Nachtlied“ in „Also sprach Zarathustra“ hat Nietzsches derartiges Denken am deutlichsten zum Ausdruck gebracht.

„Licht bin ich: ach, daß ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, daß ich von Licht umgürtet bin.

Ach, dass ich dunkel wäre und nächtig! Wie wollte ich an den Brüsten des Lichts saugen!

Oh, ihr erst seid es, ihr Dunkeln, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!“

Dies "Lied", dessen Sprache „Zarathustra“ benutzen möchte, nennt Nietzsche „Dithyrambus“. In dem Vers „Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wäre!“ liegt der tiefe Sinn von Nietzsches Denken, woraus das tiefgründige innere Spannungsverhältnis der Dualität dichterisch formuliert ausgesendet worden ist.

Dies ist auch die Logik der Aufklärung Nietzsches, anders gesagt, das „Paradox“ seiner Aufklärung. In „Menschliches, Allzumenschliches„ Buch I Paragraph 26 „die Reaction als Fortschritt“ weist er darauf hin, erst nachdem wir die historische Betrachtungsart , die die Zeit der Aufklärung mit sich brachte, korrigiert haben, dürfen wir die Fahne der Aufklärung von Neuem weiter tragen. „Wir haben aus der Reaction einen Fortschritt gemacht“ – Schmidt hat darin eine „Dialektik der Anti-Aufklärung“ entdeckt: alle Bemühungen gegen die Aufklärung beweisen sich nur paradoxerweise als Grund für weitere Aufklärung. Die Beziehung zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung ist sehr leicht umzukehen, denn die Gegenaufklärung kann Ursache der Aufklärung werden, gleichwohl kann Aufklärung auch zu einer neuen Art des Obskurantismus geführt werden. Der Fortschritt in der Aufklärung heißt gleichzeitig der Fortschritt in der Dunkelheit.

Meines Erachtens ist die so genannte „Dialektik der Anti-Aufklärung“ nichts weiter als eine Aufklärung im philosophischen Sinne. Wenn wir sagen, daß Nietzsche Repräsentant einer „neuen Aufklärung“ ist, dann ist es notwendig, die "Anti-Aufklärung" als Voraussetzung der neuen Aufklärung hinzunehmen und eine Grenze zum „18. Jahrhundert Rousseaus“ zu ziehen. Der Neu–Aufklärer muß zuerst Anti-Aufklärer im politischen Sinne sein, dann kann er sich zum Aufklärer bzw. zum Postaufklärer im philosophischen Sinne bilden. Nietzsche ist ein Anti-Aufklärer im politischen Sinne und ein Aufklärer im philosophischen Sinne, nur auf diesem Grund kann die „neue Aufklärung Nietzsches“ entstehen.

Wenn das der Fall ist, hat Nietzsche die Kritik Hamanns, die Kant –„unseren Platon“ – anschuldigt, hinzunehmen: das sind Zwistigkeit, Heuchelei, Drolligkeit. Also kann man fragen: ist die neue Aufklärung Nietzsches im philosophischen Sinne doch „ein geiler Nachtisch“, wie Hamann Kant damals gespottet hat.


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