Abstracts

Nietzsche und die Aufklärung - in Deutschland und in China / 尼采与启蒙 - 在德国与在中国 (11.-13.10.2013)

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Nietzsche1

 
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Prof. Dr. Volker Gerhardt

(HU Berlin)

Nietzsches Konzeption des freien Geistes

Der Begriff des esprit libre, des "freien Geistes" oder des "Freigeistes", gehört zur Tradition der europäischen Aufklärung. Im 19. Jahrhundert war das noch jedem bewusst. Also kann man ein fortgesetztes Bekenntnis zur Aufklärung darin sehen, dass Nietzsche diesen Begriff über Jahre hinweg sowohl zur Bezeichnung für sich selbst wie auch zur Auszeichnung seiner weitgesteckten Ziele verwendet. Jenseits von Gut und Böse kann als Programmschrift der Selbstüberwindung im Zeichen einer freien Entfaltung des sich als "freien Geist" verstehenden Individuums gelten. - Was das für die Konzeption von Nietzsches Spätphilosophie bedeutet ist Thema des Vortrags. Dabei wird erstmals eine Begriffstradition berücksichtigt, die Nietzsche und seine Zeitgenossen gar nicht kannten. Sie geht auf die häretische Mystik des späten 13. Jahrhunderts zurück und lässt Nietzsches Kritik des Christentums in neuem Licht erscheinen. [pdf]

Prof. Dr. Sun Zhouxing

(Shanghai)

Nietzsche und die Aufklärung in China

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Prof. Dr. Tze-wan Kwan

(CU Hong-Kong)

Nietzsche and Theodicy: As Seen from a Chinese Perspective

Nietzsche is well-known to be highly critical of Christianity. While mainstream interpretation tends to trace this back to the alleged moral decay of the latter, or to the Nietzschean concepts of “slave morality” and “resentment”, this paper argues that it is the problem of theodicy that truly underlies Nietzsche’s criticism. The term “theodicy” was introduced famously by Leibniz, but the problem itself was considered to have rooted in Jewish antiquity (The Book of Job) and haunted Christian theology ever since the days of Augustine of Hippo. With this as backdrop this paper then turns to the analysis of a central thesis of Nietzsche, that “theodicy has never been a Hellenic problem.” In order to explicate and make sense of this lapidary statement, this paper further delves into Nietzsche’s treatise of Greek tragedy on the one hand and his understanding of Pre-Socratic philosophy (under the rubric of “philosophy in the tragic age of the Greeks”) on the other, the purpose of which is to show why theodicy was for the Greeks irrelevant. In so doing, Nietzsche’s juxtaposition of the Parmenedian and Anaximandrian traditions and the reason for his preference of the latter will be discussed. Finally, relevant views from ancient Chinese philosophical texts will be cited for comparison to bring home the point of Nietzsche’s marked criticism against Christian theodicy. [pdf]

M.A. Jing Huang

(FU Berlin)

Nietzsche als ein "doppelzüngiger Priester"? Die Straussianische Nietzsche-Interpretation in China

Wie Foucault bekanntlich formuliert hat, lässt sich die gesamte Philosophiegeschichte seit Kant, inklusive Nietzsches Philosophie, als eine Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“ verstehen. Statt Nietzsches eigene Reflexion über die Aufklärung historisch und systematisch zu rekonstruieren (Simon 1989; Reschke 2004), was das Thema „Nietzsche und die Aufklärung“ andeuten könnte, soll in meinem Vortrag der Versuch unternommen werden, die Spannung zwischen Nietzsches Philosophie und der Aufklärung anhand einer Skizzierung der Straussianischen Nietzsche-Interpretation in China aufzuzeigen. Diese gegenwartsbezogene bzw. politisierte Lesart der Philosophie Nietzsches ist durch Xiaofeng Lius 2000 Essay „Nietzsches esoterische Lehre“ popularisiert geworden. Sie versteht, ausgehend von der in Jenseits von Gut und Böse thematisierten Exoterisch/Esoterisch-Antithese (JGB 30; vgl. Lampert 1995, 2001; Clark/Dudrick 2012), Nietzsches esoterische Lehre als eine klassische politische Philosophie, deren Grundgedanke ein radikaler Anti-Egalitarismus und Anti-Liberalismus ist. Dadurch charakterisiert sie Nietzsche als Philosophen der Gegenaufklärung, der jedoch eine exoterische „mask of enlightment“ trägt (Rosen 1995; vgl. dazu Reckermann 2003). In meinem Vortrag geht es im Wesentlichen darum, Genese, Argument und Wirkungsgeschichte von Lius Nietzsche-Essay in seinem historischen Kontext zu analysieren. Meine Untersuchung setzt sich zum Ziel, zu zeigen, dass die esoterisch-politische Nietzsche-Deutung, die prima facie die Aufklärung ablehnt, de facto eine Variante der poetischen Philosophie (eine der dominierenden intellektuellen Strömungen in China in den 1980er Jahren, die die Modernität für eine Ästhetisierung der Welt hielt) ist und sich daher mit ihrem kulturellen sowie politischen Anspruch noch innerhalb des Aufklärungsparadigmas abspielt. [pdf]

Prof. Dr. Wang Min'an

(Beijing Foreign Studies University)

Antiaufklärerischer Aufklärer

Nietzsche hatte eine deutlich kritische Haltung zur europäischen Aufklärung bzw. zum aufklärerischen Gedanken. Ihm zufolge war die aufklärerische Philosophie nichts anderes als eine Variation des Christentums, wie der Begriff „Ding an sich“ bei Kant eine abgeänderte Form des christlichen Gott-Begriffs. Die Aufklärung habe zwar den Gott für tot erklärt, aber wieder da einen neuen Gott aufgestellt, wo der christliche Gott abgeschafft wurde. Die europäische aufklärerische Philosophie gälte nicht als ein radikaler Bruch mit dem Platonismus sowie der christlichen Theologie, sondern als deren Weiterentwicklung. In diesem Sinne war Nietzsche antiaufklärerisch. Zugleich zeigte er sich aber auch als ein Sohn der Aufklärung, bei dem sie reichliche Spuren hinterlassen hat: Er wollte Europa von neuem aufklären. Insofern galt Nietzsche als ein antiaufklärerischer Aufklärer. Und in den 1980er Jahren war er in China ein Idol gegen Idol. [pdf]

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Prof. Dr. Claus Zittel

(FU Berlin)

 

"Selbstverleugnung der Reflexion" oder radikalisierte Aufklärung? Gegenstrebige Tendenzen in der internationalen Nietzsche-Rezeption

Nietzsches Werk hat extrem unterschiedliche Auslegungen erfahren. Für die einen war er Ahnherr des Faschismus und Gegenaufklärer, für andere jedoch Radikalaufklärer und Philosoph der Befreiung. In diesem Vortrag sollen mit Blick auf das Tagungsthema einige Leitlinien der internationalen Nietzscherezeption herausgearbeitet und nach Phasen und nationalen Besonderheiten befragt werden. [pdf]

PD Dr. Hans Feger

(FU Berlin)

Is there Eternal Return? Nietzsche's Will to Power as 德

Prof. Dr. Wang Hongsheng

(Shanghai)

Nietzsche and the Ethical Identification and Generation of the Discourse Subject

There is ethical deficiency and subject perplexation in Nietzsche’s philosophy of “Superman”. With this in view, this paper probes into the necessity and possibility of re-establishing ethics in postmodern context, approaching the ethical identification and generation of contemporary discourse subject from the perspective of attitude ethics. It transfigures traditional subject and refutes the idea of “abrogating the subject”, and at the same time proposes six conceptual identification systems of the rational subject, and discusses emphatically the multipled ethical connotations of inter-“engagement” activity which is considered to be the generative starting point, thus lays open the constructive values of language in narrative art and criticism which “reshapes time”. [pdf]

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Prof. Dr. Li Wenchao

(Leibniz Universität Hannover)

"Im Bann und Wahne der Moral" – Nietzsches Buddhismuskritik

M.A. Arturo R. Contreras

(FU Berlin)

Nietzsche und die Taoaufklärung. Nietzsche als buddhistischer Aufklärer?

In der Philosophie sind wir heute an Hegels Übertreibungen und Schmähungen über den (undifferenzierten) Osten gewöhnt: Dass die Chinesen notwendig Betrüger sind, dass Buddha die bestimmte Negation nicht kannte, und deswegen seine Lehre abstrakt geblieben sei usw. Weniger einflussreich und jedoch entscheidender Gegenpol zu Hegel ist Schopenhauer (über Schelling), der in Kants Kunstlehre einen Weg zum Indischen Nirwana sah. Nun galten Hegel und Schopenhauer für Nietzsche als Erzieher und Professor jeweils. Sie vertraten sozusagen die Figur des alten deutschen Professors und die jenes Denkers, der das Leben (obwohl auf falsche Weise) ins Zentrum der Befragung gerückt hat. Was unterscheidet genau Schopenhauer und Hegel in der philosophischen Doxa? Lukács behauptete, dass der Irrationalismus von Schelling bis zu Hitler über Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger gelaufen sei. Schelling gehört für die meisten nicht mehr in diese Einordnung. Viele zeitgenössische Anhänger der Aufklärung aber, auch wenn nicht von Marxscher Abstammung, koinzidieren mit Lukács' Gedanken: Hegel gehört zur Geschichte der Vernunft; Schopenhauer und Nietzsche nicht, denn sie schwingen zwischen einem radikalen Skeptizismus und einer Mystifizierung des Lebens und der Kunst. Also die erste Vermutung ist, dass Nietzsche und Schopenhauer nicht nur keine Aufklärer, sondern sogar Vertreter des Irrationalismus gewesen seien, welcher katastrophale Konsequenzen im XX. Jh. hatte. Hängt aber dieses Urteil damit zusammen, dass sie sich am „östlichen Denken“ angenähert haben? Wäre weiter der Rekurs auf „östliche“ Begriffe, wie "Nirwana" oder 'ewige Wiederkehr des Gleichen', ein Zeichen dafür, dass das westliche Denken einerseits „schwach“, anderseits „unscharf“ und nicht streng geworden sei? Denn man kann nicht leugnen, dass Schopenhauer und Nietzsche einen engeren Dialog mit dem Osten ermöglicht haben, der sich nicht auf der Ebene von Unwissenheit und Vorurteilen stützt, wie es der Fall bei Hegel ist. Diese Tendenz ist auch bei Heidegger zu beobachten, der sich nicht nur einer großen Rezeption in Japan erfreut, sondern auch im Zusammenhang mit dem Taoismus (wegen der Unaussprechlichkeit des Seins) und dem Zen Buddhismus (wegen der Rolle des Nichts in seiner Seinslehre) gelesen wird. ... [full abstract as pdf]

Prof. Dr. Marco Brusotti

(Lecce)

Aufklärung, Technik, Medizin. Nietzsche in Georges Canguilhems Philosophie des Lebendigen

Claude Bernards rein quantitative Auffassung des Pathologischen war für das neunzehnte Jahrhundert ein entscheidender Schritt hin zu einem aufgeklärten Verständnis von Krankheit. Für Georges Canguilhem ist diese Auffassung dagegen ein Dogma; unter dessen Vertretern führt er in seinem Buch Das Normale und das Pathologische Nietzsche an. Zugleich aber verwendet er, gerade um dieses positivistische Dogma in Frage zu stellen, an Nietzsche angelehnte Denkfiguren. Der Vortrag, der auch unveröffentlichtes Material einbezieht, spannt einen Bogen von dem Versuch, eine Philosophie der Technik zwischen Descartes und Nietzsche zu entwickeln, wie ihn der junge Canguilhem unternimmt, über dessen Betrachtungen zur Polarität von Wissenschaft und ‚Gegen-Wissenschaft‘ bis zum neuen Nietzsche-Verständnis des letzten Canguilhem. [pdf]

M.A. Jakob Dellinger

(Wien)

 

Aufklärung über Perspektiven. Ein Lektüreversuch zum zwölften Abschnitt der dritten Abhandlung von Nietzsches "Zur Genealogie der Moral“

Die berühmte Erklärung, dass es „nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ‚Erkennen‘ [giebt]“ (GM III 12) im Sinne eines klassischen Aufklärungsmotivs zu verstehen, liegt nicht nur ob der begriffsgeschichtlichen Verbindungslinien zwischen deutscher Aufklärung und Perspektivitätsdenken nahe: Nietzsche proklamiert, so jedenfalls die Standardlesart, mit seiner Aufklärung über den perspektivischen Charakter unseres Erkennens eine erkenntnistheoretische Position namens ‚Perspektivismus‘, gegen die mit ermüdender Regelmäßigkeit der Einwand erhoben wird, dass sie sich in ihrer autoritativen Artikulation selbst widerspreche. Mein Beitrag soll ausgehend von einer eingehenden Analyse zumeist vernachlässigter Gestaltungselemente von GM III 12 demonstrieren, dass sich die dortige Rede vom perspektivischen Erkennen zwar tatsächlich plausibel als Aufklärungstopos interpretieren lässt, hinsichtlich ihrer textuellen Konfiguration und ihres reflexiv-spekulativen Potentials allerdings weitaus komplexer verfasst ist, als gemeinhin unterstellt wird: Insofern sich etwa die Forderung nach Dankbarkeit gegenüber „Umkehrungen der gewohnten Perspektiven und Werthungen“ als „Zucht und Vorbereitung des Intellekts zu seiner einstmaligen ‚Objektivität‘“ imperativisch an ein „wir“, und zwar näherhin „als Erkennende“, richtet, bezieht sie sich möglicherweise weniger auf das Feld der Erkenntnistheorie im traditionelle Sinne als vielmehr auf die immer wieder in der ersten Person Plural adressierte typologische Gestalt der ‚Erkennenden‘, den diesen in GM zugeschriebenen Erkenntnisprozess sowie die im Text mobilisierten Perspektiven. Die Rede von eine „Vermögen, sein Für und Wider in der Gewalt zu haben und aus- und einzuhängen: so dass man sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und der Affekt-Interpretationen für die Erkenntniss nutzbar zu machen weiss“, wäre demnach gerade auch im Hinblick auf die philosophische Schreibpraxis von GM zu interpretieren. Dies soll anhand einiger Beispiele aus der dritten Abhandlung plausibilisiert werden, wobei es insbesondere deutlich zu machen gilt, dass es sich um eine Aufklärung ‚über‘ Perspektiven im doppelten Sinne handelt: Perspektiven sind nicht nur der Gegenstand, das Worüber dieses Aufklärungsvollzugs, sondern zugleich auch seine Methode, sein Womit. Nietzsches Aufklärung über Perspektiven in GM III 12 ist somit wesentlich selbstbezüglich, wesentlich Aufklärung der Aufklärung, die sich in ihrer textuellen Inszenierung plumpen Inkonsistenzvorwürfen entzieht. [pdf]

Dr. Axel Pichler

(FU Berlin)

Aufklärung als Erleichterung? Eine Lektüre der Paratexte von Nietzsches "Der Fall Wagner"

In der Nietzscheforschung ist die Auffassung weit verbreitet, dass Nietzsche das Kant’sche Projekt der Aufklärung weitergeführt und radikalisiert habe und somit wesentlich zur Aufklärung der Aufklärung beigetragen habe. Eines der zentralen und radikalsten Resultate von Nietzsches Aufklärungsprojekt ist die ‚Einsicht‘ in die relationale Bedingtheit sämtlicher ‚Einsichten‘ sowie die unvernünftigen Ursprünge der diese ‚Einsichten‘ generierenden ‚Vernunft‘ selbst. Dieses ‚Wissen‘, das von der bisherigen Forschung unter Vernachlässigung seiner autosubversiven Selbstbezüglichkeit meist auf die Formel des erkenntnistheoretischen Perspektivismus gebracht wird, scheint insbesondere in den Schriften von 1888 bereits unterschwellig vorausgesetzt zu werden. In meinem Vortrag möchte ich daher durch eine Lektüre ausgewählter Passagen aus Der Fall Wagner – insbesondere von dessen Paratexten – danach fragen, welche inhaltlichen und formalen Konsequenzen eine Philosophie aus der Ansicht, dass „[d]ie Begriffe ‚wahr‘ und ‚unwahr‘ [...] in der Optik keinen Sinn“ (WA Epilog) haben, für ihr eigenes kritisches Projekt zieht. Gerade in Nietzsches späten Texten, die für lange Zeit bloß als Ausdruck von seinem nahendem Wahnsinn gelesen wurden, scheinen die klassischen philosophischen Fragen einer gegenwartsdiagnostischen Praxis zu weichen, in deren Zentrum das „Problem der décadence“ (WA Vorwort) steht. Das Verhältnis dieser Praxis, welche im Fall Wagner explizit als eine „DIAGNOSTIK DER MODERNEN SEELE“ (WA Epilog) bezeichnet wird, zu Nietzsches vermeintlicher ‚Grundeinsicht‘ sowie die sich aus diesem ergebenden darstellerischen und philosophischen Konsequenzen, welche sich fern von der für die europäische Aufklärung so charakteristischen vernünftigen Selbstbespiegelung der Vernunft bewegen, sollen im Rahmen des Vortrages im Zuge einer textnahen Lektüre nachgezeichnet und auf ihr gegenwartsphilosophisches Potential überprüft werden. Dabei wird auch danach zu fragen sein, worin die „kleine Erleichterung“ (WA Vorwort) im Umgang mit einer Sache liegt, „mit der nicht zu spassen ist“ (WA Vorwort). [pdf]

Dr. Mingfeng Yu

(München)

Das Problem der Décadence. "Der Fall Wagner" als eine Anatomie der modernen Seele

„Der Fall Wagner“ ist nicht nur ein Musikanten-Problem, wie der Untertitel des Buchs zuerst vorschlägt und verschleiert. Es geht natürlich auch um Musik, und um den Musikanten Richard Wagner, das eigentliche Thema aber ist „das Labyrinth der modernen Seele“ und „das Problem der décadence“. Nietzsche hat durch Wagner die Modernität resümiert. Die moderne Seele hat einerseits Anarchie in den Instinkten, andererseits Erlösungsbedürfnis. Sie braucht einen Herrn, kann aber keinen haben, sie weißt weder aus noch ein. Das führt zur Schauspielerei und Theatrokratie. Der Arzt und der Moralist Nietzsche hat die Herrenmoral als Gegengift für die Zeit rezeptiert, der Philosoph hat aber eine ewige Problematik im Augen, d.h., platonisch formuliert, Philosophie vs. Sophistik. [pdf]

Dr. Zhao Qianfan

(Tongji-Universität Shanghai)

Mimesis als philosophische Kunst bei Nietzsche

In meinem Vortrag versuche ich zu erörtern, inwiefern wir Nietzsches radikale Kritik am Platonismus als eine Verteidigung und Umgestaltung einer mimetischen Theorie betrachten können. In den frühen Schriften über Musik und Tragödie entwickelt Nietzsche eine doppelsinnige Auffassung von Mimesis. Im Kontrast zum sich unendlich beziehenden Erkennen geht es bei den mimetischen Tätigkeiten darum, außer sich selbst zu sein. Während sich die platonische Definition von poetischer Mimesis, als Nachahmung aufgrund der verführenden Ähnlichkeit, auf der Trennung des Geistes von dem Körper und der Beschränkung auf die Innenseite der verständlichen Welt stützt, schreibt Nietzsche der mimetischen Tätigkeit eine bildende, schöpfende und ein- und anziehende Urkraft zu. Dieses Motiv von der Tension zwischen Mimesis und Philosophie entwickelt sich in seinen späteren Gedanken. Auf der einen Seite bedarf das idealistische Streben nach Wissen und Wahrheit selbst der Metaphernbildung und des Für-wahr-Haltens. Beide können als von der innerlich nach der äußerlich ausgelegten Mimikry erläutert werden. Auf der anderen Seite gesteht der Perspektivismus der Lebensdienlichkeit eine Erkenntnis ein, die sich in einem interaktiven Interessenzusammenhang an der Wirklichkeit zu bewähren und zur Lebensform zu gestalten wagt. Nietzsche möchte die Verinnerlichung und die Sich-Verleugnung der Menschheit dadurch überwinden, dass die Philosophen, als freie Geister, ihre mimetische Kraft wiederbeleben und sich nach außen, im Konträren, diese Kraft bestätigen und insofern als Macht verwirklichen können. Man kann auch Nietzsches eigene Schriften als ein exemplarisches Beispiel der mimetischen Kunst des Philosophierens betrachten: „was man überhaupt mit der Sprache kann“. Schreiben und Lesen sind für ihn nicht nur kontemplativ und intellektuell, sondern, wie in der alten schauspielerischen Kunst: sie verlangen Umgang mit Gebärden, Akzenten, Tönen und Rhythmen. Der Aphorismus, durch den er gegen alle Systeme ankämpft, wirkt sowohl herausfordernd als auch heuristisch, um seine Leser selbst zum Wagnis zu ermutigen. [pdf]

M.A. Philipp Meyer

(FU Berlin)

Die Metapher des Musikalischen – zum Problem des Ästhetizismus in Nietzsches Sozialphilosophie

Die Bemerkungen zur Musik gehören zu denjenigen Nietzsches, die mit am anfälligsten für allseitige beiläufige Zustimmung und gefällige Interpretationen sind. Dagegen findet das Problematische im Verhältnis von Musikalität und Diskursivität - als zwei gründlich disparate, dennoch gleichsam originär menschliche Fähigkeiten - bei Nietzsche gerade insofern Beachtung, als die theoretische Unaufmerksamkeit bezüglich der Frage ihrer Beziehung geradezu als ein Skandalon des philosophischen Zeitgeistes begriffen wird. Einer Preisung von Kunst und Kultur als Arznei gegen eine an Wissenschaft und Historismus krankende Zeit beim frühen Nietzsche, die noch stark an die auch politisch vorgetragenen Kulturprojekte Richard Wagners erinnert, folgt später ein Gebrauch des Musikalischen als (absolute) Metapher, die als eine Art Raffung verschiedenster Aspekte der Nietzscheanischen Philosophie verstanden werden kann. In ihr verbindet sich unter anderem die Abkehr vom zumeist als „platonisch“ apostrophierten Denken der Referenz mit dem Einspruch gegen die Hegemonie des utilitaristischen Nutzen-Begriffs. Als eine solche Abbreviatur der Nietzscheanischen Philosophie insgesamt hat die Metapher des Musikalischen auch eine Illustrationsfunktion für die sozialphilosophischen und politischen Einlassungen Nietzsches und ihre zentralen Begriffe von Macht, Spiel, Differenz und Pluralität. [pdf]

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