Vortrag/Talk: Wang Hongsheng

(deutsche Übersetzung von Ran Qian und René Kluge)

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Wang Hongsheng

(Shanghai)


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Nietzsche und die ethische Identifikation und Genese des Sprechers


Abstract: Auf die ethischen Mängel und subjektivistischen Unklarheiten in Nietzsches Theorie des Übermenschen gerichtet, begreift dieser Text die ethische Identifikation und Genese des gegenwärtigen Sprechers von der Einstellungs-Ethik her und diskutiert, inwiefern die Wiederherstellung des ethischen Subjekts im postmodernen Kontext notwendig und möglich ist. Die „Theorie der Abschaffung des Subjekts“ wird zurückgewiesen und gleichzeitig eine Transformation der traditionellen Subjektphilosophie unternommen, indem ein sechs Punkte umfassendes, begriffliches Identifikationssystem des moralischen Subjekts vorgestellt wird. Besondere Beachtung finden die zahlreichen ethischen Konnotationen der als generativer Beginn verstandenen, intersubjektiven „beteiligenden“ Handlung. Dadurch werden die sprachlich konstruierenden, “Zeit umformenden“ Werte von narrativer Kunst und Kritik sichtbar gemacht.

Keywords: Nietzsche, Einstellungs-Ethik, Identifikation des Subjekts, Genese

 

Wenn Kritik heutzutage wirkliche Ausdrucksmöglichkeiten bieten und eine angemessene Wirkung entfalten soll, dann bedarf es nicht nur Ehrlichkeit, Geduld, Courage und Scharfsinn, sondern vor allem eigener moralischer Verpflichtungen im Bereich der sprachlichen Einstellung. In Literatur und Kunst sowie aller Arten von geistigen und akademischen Diskursen existieren mittlerweile eine Gruppe von Fragen wie: Wie sind natürliche und direkte emotionale Fähigkeiten zurückzugewinnen? Wie kann sich dem Reiz der Macht der Sprache entzogen werden? Wie ist der Geist von Demokratie und Toleranz in die Leidenschaft zur Kritik zu integrieren? Wie können verschiedene Perspektiven eingenommen werden, so dass eine Polyphonie des geistigen Lebens entstehen kann, ohne den eigenen Standpunkt, Konturen und Fokus aus den Augen zu verlieren? Wie kann das kritisierende Subjekt angemessen und nicht-zentristisch anwesend sein, um in verschiedenen Wissensaustauschen eine Art von organischem Gruppengefühl zu kultivieren? All diese Fragen könnte man als „Eingangs“-Fragen in die ethische Kritik, d.h. Fragen der Einstellungs-Ethik bezeichnen.

 

Einstellungs-Ethik und Sprachmodi der Kritik

 

Einstellungs-Ethik ist ein Symbol für das ethische Sein des Kritikers. Die Ästhetik der Romantik versteht „Symbol“ als: intuitiv, direkt, plastisch, produktiv, mit allen Aktivitäten im Inneren scheinbar bereits abgeschlossen, im Besonderen das Allgemeine darstellend und mit dem Sichtbaren das Unsichtbare ausdrückend, etc. Es fällt auf, dass man annährend alle diese Eigenschaften des Symbols auch nehmen könnte, um den Begriff der „Einstellung“ zu beschreiben. Das macht deutlich, dass Einstellung auch eine sprachliche Natur hat. Einstellung ist bereits Sprache, Bewertung, direkter und plastischer Ausdruck von Bedeutungen und Gefühlen und sichtbare Form der unsichtbaren Wertethik. Als „symbolischer“ Akt der eigenen Körpersprache stützt sich „Einstellung“ auf das „natürliche“ Wesen sowie die kulturelle und moralische Kraft der Sprache, das heißt, die in der kritischen Sprache selbst gelagerten Funktionen von Erklärung und Erschaffung und bestimmt auf diese Weise produktiv wahre kommunikative Handlung und führt uns in eine bessere, auf Werte verweisende Welt.

Einstellung ist das Einzige, was von uns selbst bestimmt werden kann. Sie hat augenblickliche Gewissheit und zeigt die ethische Position und Orientierung des Kritikers. Position und Orientierung sind jedoch keine vom Schicksal verliehenen oder von uns willkürlich selbst gewählten Größen. Als ethische Entscheidungen, die im Kontext des Verstehens von literarischer oder sozialer Kommunikation gefällt werden, sind sie vielmehr Produkte intersubjektiver Beziehungen (z.B. zwischen Text, Welt, Autor und Leser) und entstehen aus der ethischen Verflechtung verschiedener Intentionen. Einstellungs-Ethik vermittelt dem Kritiker nicht nur ein unmittelbares Gefühl seiner Position (Dasein des Subjekts), sondern eröffnet auch transzendental die Wertedimensionen der Kritik an sich. Sie zeigt, dass Kritik auf das Verstehen abzielt und die eigenen Kommunikationsobjekte sowie dessen Derivate erschafft, und auf diese Weise „eine vorteilhafte Reziprozität zwischen den Zivilisationen“ zu erreichen sucht. Ähnlich findet es sich bei Emmanuel Levinas: „Die asymmetrische Intersubjektivität ist der Ort der Transzendenz. Wenn das Subjekt seine Subjektivität bewahrt, muss es nicht unbedingt zu sich selbst zurückkehren. Anstatt nur einen, hat es auch die Möglichkeit mehrere Söhne zu zeugen.“ Das bedeutet, dass, ob Wechselbeziehungen positiv, gutartig und aufwertend sind, davon abhängt, ob der Kritiker das wahre Verhältnis zwischen sich und dem Objekt der Kritik versteht sowie den eigenen Anspruch des Sprechers nach Selbstreproduktion.

Was die Sprachmodider Kritik betrifft, so verkörpert die Einstellungs-Ethik dynamisch – die phänomenologischen Begriffe – „Gegebenheit“, „Vermöglichkeit“ und „Konstruktion“ des kritischen Bewusstseins. Beispiele für Sprachmodi der Kritik wie: „die Maske abnehmen“, „sich aufrichtig ausdrücken“, „geduldig zuhören“, „eine offene Einstellung haben“, „gut sein im Entdecken“, „mutig hinterfragen und herausfordern“, „begründet widerlegen und beurteilen“, „gut vorbereitet antworten“, „direkt oder taktvoll hinweisen“, „konkret und systematisch seine Position erläutern“, „sich ein aufrichtiges Selbstbild machen“, „beide Seiten nachvollziehen“, „ein niedrigschwelliges Sprachniveau verwenden“, „vermeiden, den anderen durch Stärke unter Druck zu setzen“, „die gegenseitige Kommunikation schützen“, „zur richtigen Zeit schweigen“, „entschlossen unterbrechen“, „‚müssen‘ durch ‚können‘ ersetzen“, „notwendige Kompromisse machen“, „aus Höflichkeit nachgeben (nicht das letzte Wort haben müssen)“ etc., sollten nicht nur als Redestrategien, sondern als einstellungs-ethischer Liberalismus und Respekt verstanden werden. Liberalismus meint hier die Freiheit zur Kritik als auch die Freiheit zur Produktion von Bedeutungen. Respekt meint, Respekt für die Unbegrenztheit der Wahrheit und Respekt für unsere Winzigkeit angesichts der „Wahrheit“. Hier wird die „Verantwortung der Einstellung“ in eine „Überantwortung“ an die Zeit verstrickt und damit eine Art geistiges Zeichen und bringt die Kritik in eine ethische Form. Sich mühevoll an diese Sprachmodi halten bringt nacheinander viele „Augenblicke“ der Ethik der Kritik nach dem anderen hervor und in diesen Augenblicken ist das Verhältnis der Kritik zu ihrem Objekt nicht nur moralisch, sondern gleichzeitig auch ästhetisch und politisch.

 

Die ethische Identifikation des Sprechers

 

Aber was ist eigentlich mit dem Subjekt der ethischen Kritik gemeint und wo liegen die Unterschiede zum gewöhnlichen Sprecher? Bei der Beantwortung dieser Frage müssen bestimmte methodologische Besonderheiten beachtet werden: Die Ethik der Kritik (narrativ) unterscheidet sich von der Ethik der sozialen Normen. Deshalb ist es schwierig, das ethische Wesen des Kritikers von der Perspektive sozialer Normen her begrifflich zu definieren. Es würde sachlich erscheinen, wäre in Wirklichkeit aber nichtssagend. Wir versuchen hier stattdessen aus verschiedenen Gesichtspunkten eine theoretische Darlegung des Wesens und der Besonderheiten des „Subjekts der ethischen Kritik“, um ein sicheres, reflektierendes Erkennen zu ermöglichen.

Aus der Sicht der formalen Ethik ist jeder Sprecher, der Material selektiert und angeordnet hat und damit eine Art von Sprachreihe, einen fortlaufenden und weitgehend vollständigen Informationstransfer etabliert hat, im weitesten Sinne als ethisches Subjekt zu bezeichnen; unabhängig davon, ob in den Augen des Rezipienten diese eher „gut“ bzw. „richtig“ oder „schlecht“ bzw. „falsch“ sind. Man kann also sagen, dass die Ethik gegenüber allen Arten von Sprechakten eine Existenz a priori hat, denn die Prämissen jedes Sprechaktes sind immer ethisch und können gar nicht „nicht-ethisch“ sein. Wir können uns zum Beispiel auch keine „ethiklose“ „Narrative“ vorstellen, genauso wenig, wie wir uns vorstellen können ein Haus zu bauen, ohne dabei eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten. Nach diesem formalistischen Prinzip kann man „Ethik der Kritik“ offensichtlich nicht einfach als moralische Bewertung des Sprechers gegenüber dem Sprechobjekt (Dinge oder Situationen) identifizieren, oder aber als bestimmte esoterische bzw. exoterische Anschauungen oder Neigungen zu bestimmten Werten des Sprechers.

Wir kommen nicht umhin anzuerkennen, dass dieses weit und formalistisch gefasste ethische Subjekt eine zu starke Verallgemeinerung darstellt, dass es zu sehr semiotisch geprägt ist, eingeschlechtlich und steril und der Ganzheitlichkeit eines „lebenden Menschen“ ermangelt. Zum Beispiel: Obwohl die Verhältnisse zwischen formalen (Haupt)Elementen, auf die sich die Erzähltheorie konzentriert, „autonom“ formal ethische Bedeutungen bilden und die Intentionen des Erzählers zum Teil unbewusst offenlegen können, können sie dennoch das ethische Wesen des Sprechers nicht vollständig erklären und können sogar zur Irreführung der wahren Erkenntnis des Sprechers durch die verschleiernden Wirkungen der Rhetorik führen. Wenn wir aber auf der Ebene der narrativen Ethik eine annährend umfassende und vollständige ethische Identifikation des Sprechers unternehmen wollen, so dürfen wir das analytische Verständnis und die synthetische Eigenschaft der ethischen Intention nicht mehr vernachlässigen und müssen uns vor allem mit den überlappenden, interagierenden und sogar widersprechenden Beziehungen beschäftigen, die zwischen dem Prozess der Formierung und dem der Verinnerlichung des Sprechers tatsächlich bestehen.

Die ethische Erscheinung des kritischen Diskurses ist oft divers und wechselhaft, ähnlich wie die subjektive Identität des Einzelnen, die auch auf verschiedene Art und Weise definiert werden kann. Im weitesten Sinne haben wir alle eigentlich eine Vielzahl von „subjektiven“ Identitäten. Vom Subjekt des Geschlechts, des Begehrens, der Emotionen, der Klasse, der Ethnie bis zum beobachtenden, teilnehmenden, konkurrierenden, rechtlichen, konsumierenden und erholenden Subjekt ist die Subjektivität des „Ich“ immer zufällig, gemischt, mehrdeutig, unvollendet und schwebend und deshalb kann und wird ein Nachdenken über die Ethik des „Ich“ auch niemals an dem „Punkt“ einer einzelnen, festgelegten Identität verharren können. Aber eben wegen dieser Ungenauigkeit kann durch Erzählung und durch das Finden einer Sprache durch die aus dem Selbst „dieses“ Selbst wird, der ethische Sprecher etabliert werden und bewiesen werden, dass es sich nicht um die „Replika“ irgendjemandes anderen handelt. Eine gültige Identifikation der ethischen Charakteristika des sprechenden Subjektes kann hier nicht stattfinden, ohne die freie „Wahl“ und Werte-“Ausrichtung“ des Kritikers, wobei „Wahl“ und „Ausrichtung“ hier eine Art Beschränkung meinen, eine Beschränkung, die das Subjekt mittels seines freien Willens sich selbst auferlegt. Das ist die wahre Paradoxie, die dem freien ethischen Subjekt begegnet. Gerade diese Paradoxie ist für uns aber auch positiver Anhaltspunkt zur Identifikation des Sprechers. Wenn man versucht sich künstlich von den Schwierigkeiten der Paradoxie frei zu machen, kann dies stattdessen zur Spaltung, Verkürzung oder Verfälschung des Selbst führen. Denn der ethische Sprecher hat nun mal eine gewisse Art von „Wahl“ und „Ausrichtung“ als Prämisse und etabliert sich in einem kritischen bzw. narrativen Prozess des Anordnens von komplexen Erfahrungen des Betrachtens und Lesens und von (den bei diesen Erfahrungen entstehenden) inneren Widersprüchen.

Allgemein gesagt steht die Etablierung der Subjektivität in einem Wechselverhältnis zur Selbstidentifikation. Jede Art von Selbstidentifikation braucht jedoch einen Bezugspunkt und wenn dieser Bezugspunkt nicht über das Individuum oder die Kategorie hinausgeht wird sie zum (…) Narzissmus. Nach Hans Robert Jauß war in der europäischen Tradition der Selbstidentifikation dieser Bezugspunkt immer Gott. Bis im 18. Jahrhundert, der Epoche der Aufklärung, es Rousseau gewesen sei, der die Beichte und das Gebet – Handlungen, die eigentlich vor Gott zu verrichten waren – in den öffentlichen Raum brachte und sie damit zu öffentlichen Konversationen abwertete. Damit sei die Erwartung des Individuums nach Anerkennung von der Vertikalen (Gott) in die Horizontale (Gesellschaft, Öffentlichkeit) verschoben worden. Jauß pejorative Darstellung bestätigt, dass es tatsächlich Rousseau war, der als erster den Bezugspunkt der Selbstidentifikation von Gott zur Gesellschaft und dem Mitmenschen verschob. Auf Rousseau folgte die kantische Aufklärung, die Individuum und Persönlichkeit zum Subjekt transformierte und den Bezugspunkt auf die Erkenntnis a priori zurückführte. Habermas analysiert es ähnlich: „Seit Kant wird das transzendental aufgewertete Ich zugleich als welterzeugendes und als autonom handelndes Subjekt begriffen“, worauf Fichte dann folgte: „indem er die transzendentalen Leistungen des erkennenden und des praktischen Ich, Weltkonstitution und Selbstbestimmung, auf den gemeinsamen Nenner der Selbsttätigkeit bringt und zum ursprünglichen Akt der Selbstsetzung radikalisiert.“ Man weiß allerdings, dass der primitive „Solipsismus“ Fichtes keiner modernen, systematischen Betrachtung standhalten kann. Besonders nachdem der Begriff des „handelnden Ich" seine historischen Energien verbraucht hat, kann sich das Bezugssystem der Selbstidentifikation nicht mehr auf einzelne monotone und konstante Objekte verlassen. Demzufolge kann das „Ich" nur in der eigenen historischen Praxis ununterbrochen mehrdimensionale Bezugspunkte akzeptieren, was die Selbstidentifikation des Subjektes methodisch täglich komplizierter und schwieriger macht.

Daher kommt es, dass sich in der aufgeklärten westlichen Kultur zwei komplett unterschiedliche Interpretationen des „Subjekts“ finden. Die eine kann „subjektivistisch“ genannt werden, weil sie weiterhin Vertrauen und Erwartungen in die menschliche Stärke des Selbst hat und hofft, mit dem Subjekt im Zentrum eine Welt zu erschaffen und ihr Bedeutung geben zu können. Die andere Interpretation ließe sich als „entsubjektivierend“ bezeichnen, da sie der Meinung ist, dass Subjekt sei vollständig vom Unbewussten kontrolliert und könne somit nur inhaltsleer sein. Folgerichtig müsste dann der „Tod des Subjekts“ proklamiert werden. Aus der Konfrontation dieser beiden Extreme ließ sich bis jetzt noch nicht die notwendige Akzeptanz für eine der beiden Positionen ableiten. Meiner Meinung nach liegt der Grund, warum auf theoretischer Ebene eine so extreme Konfrontation entstehen konnte in der Tatsache, dass die Frage der „Subjektivität“ noch nicht auf die „Tagesordnung der Ethik“ gesetzt wurde. Nur wenn man „Subjektivität“ auch ethisch diskutiert, kann man diese Art von Konfrontationen effektiv vermeiden. Diese Art von rationeller Reflexion der Kulturgeschichte der Aufklärung hilft uns zu verstehen, dass aus ethischer Perspektive, das Wesen, die Position sowie die Orientierung neu betrachtend, eine Art Selbstidentifikation des Subjekts durch narrative Handlungen zu ermöglichen, keine undenkbare Sache ist.

Mit der Frage also, wie man das diskursethische und das kritikethische Subjekt verorten kann, sollen ethische Maßstäbe geklärt werden, die selbst keinen Maßstab haben: 1) Das Subjekt aus dem Zentrum entfernen. Das bedeutet, dass das Subjekt aus der Position, die es immer dachte einnehmen zu können, nämlich dem Zentrum des Weltkreises, hinausbewegt werden soll. Es soll nicht mehr im Kern der eigene Wille sein, der Welten erbaut und Dinge bestimmt. 2) Subjekt als Zeuge. Das Subjekt kann allein nicht Ursprung von Bedeutung sein. Es kann die Welt nur erfahren und bezeugen. Die Bedeutung seiner eigenen praktischen Handlungen bedarf wiederum der historischen Bestätigung. Also befinden sich alle Sprecher immer in einem zeitlichen Prozess des gegenseitigen Bezeugens. 3) Subjekte als Schnittstelle. Weil es sich bei allen um Subjekte handelt, so hat niemand das Recht den anderen als Objekt zu behandeln, also kann das Verhältnis der einzelnen Subjekte zueinander nur über die Verbindung von Schnittstellen funktionieren. Sie befinden sich in einer Art differentiellem Zustand der Koexistenz. 4) Das Subjekt auf die Seite rücken. Die oberen drei Aspekte implizieren jeweils, dass es sich beim Subjekt auch um eine „begehbare“ Passage handelt, dass es den Einstrom von anderen Dingen und Ideen weder behindern sollte, noch behindern könne. 5) Das Subjekt als Vakanz. Angesichts der eigenen Begrenztheit und Schwäche, der es sich bewusst wird, sehnt sich das Subjekt ständig nach Erweiterung und Bestärkung. Diese ständige Vakanz offenbart eine notwendige Offenheit und dies ist genau der Punkt, an dem sich das Subjekt seiner eigenen Existenz bewusst wird. 6) Die Unvollständigkeit des Subjekts. Der Prozess, in dem sich das Subjekt durch Narration und Urteil selbst konstituiert, ist ein langsamer und langer Verlauf, der die Transformation von Wissen und Erfahrung, die Einführung verschiedenartiger Elemente und den Rekurs der Praxis beinhaltet.

Diese Punkte zielen auf eine entscheidende Neuausrichtung der traditionellen Subjektphilosophie und gleichzeitig auf die Widerlegung der „Subjektauslöschung“ des Postmodernismus ab. Vom Wesen, Position, Orientierung und anderen Aspekten des Subjektes her, liefern sie uns die Voraussetzungen für ein begriffliches Identifikationssystem der ethischen Besonderheiten des Kritikers. Dieses Identifikationssystem hält nicht nur einer Überprüfung durch die Kommunikationstheorien stand, sondern wird auch durch die Semiotik unterstützt. Julia Kristeva ist zum Beispiel der Meinung, „dass wenn vom Beginn einer Intentionalitätsreihe an ein unumgängliches sprechendes ‚Subjekt‘ da ist, dann müsste dieses Subjekt, um mit seiner Heterogenität übereinzustimmen ein undefiniertes ‚zu definierendes Subjekt‘ werden.“

Wir müssen uns allerdings der Tatsache bewusst sein, dass die Prinzipien des ethischen Subjektes, auf die das Sechs-Punkte-Identifikationssystem verweist, nur aus einer rationellen und erfahrbaren Perspektive heraus die Ethik des Kritikers im Blick haben und dennoch nicht ausreichend gewährleisten können, dass das Subjekt sich erfolgreich gegen die nicht-ethischen Heimsuchungen der realen Welt zur Wehr setzen kann. Denn unter den heutigen konkreten politischen, ökonomischen und kulturellen Umständen kommen die wesentlichen ethischen Bedrohungen des Sprechers von allen Arten institutioneller und nicht-institutioneller Kräfte. Beispiele: (1) Die Rebellion gegen die Symbole der diktatorischen Autorität oder die gegen die hegemoniale Ideologie könnte einerseits zum menschengemachten „Verstummen“ des Subjektes führen, andererseits aber auch dazu, dass der Rebell im Prozess der Rebellion von seinem Objekt assimiliert wird. (2) Die Gefühle von Einsamkeit und Ohnmacht des Sprechers kommen meist nicht von der Fragilität des Lebens, sondern daher, dass er Dinge vorbringt, aber keine entsprechenden ethischen Rückmeldungen der anderen erfährt. Es haben sich schon Autoren darüber beklagt, dass in der historischen Betrachtung das Individuum komplett entblößt wird, winzig und schwächlich erscheint und jede Idee oder Stimme sofort von der „Wüste“ (der Geschichte) verschluckt wird. (3) Wenn die Wertigkeit des Subjekts durch die Ziele der „Asketen“ festgelegt wird, dann „wird Konkurrenz zum Geist der Gesellschaft“ und es entsteht eine Situation von antiethisch auf der einen, und nicht-Ethischem auf der anderen Seite. Der Sprecher wird durch die „Werte, die in einer industriellen Gesellschaft den Vorzugswert genießen“ – (nämlich) Nützlichkeitsethik und Wert des Werkzeugs“ – gekidnapped und Leute, die mit dem Strom schwimmen oder machtlos sind, entwickeln Ressentiments und Beklemmung. (4) Wenn die Leidenschaft zur Handlung des Sprechers und die imaginierte symbolische Ordnung sich trennen, wird eine Art geistige Spaltung des „Lacanschen Subjekts“ das Selbst zerreißen und vielleicht wird sogar ganz plötzlich das Phänomen, das Žižek als „kopfloses Subjekt“ (acephalous) bezeichnet, entstehen, d.h. „Ich weiß nicht einmal mehr, was ich gerade mache und wie diese Situation entstanden ist“. (5) In einer von der Logik des Marktes und der Kultur des Konsums beherrschten historischen Epoche werden Arbeiten, Produzieren und Herstellen, immer mehr zu anonymen Daseinsformen und verlieren ihre eigene grundsätzliche Wertigkeit. Die Sprechsituationen des Sprechers beginnt/wird untrennbar mit der Arbeitsteilung und den Spielregeln der Modernisierung sowie ihrer ausgeweiteten Form der Globalisierung verbunden. Mit Technologisierung, Utilitarisierung, der künstlichen Trennung von Wissensräumen, der Fälschung und Kontrolle von Emotionen sowie der Tendenz zur Verdeckung und Nivellierung der Machtverhältnisse im Diskurs, erwachsen dem Sprecher ernste ethische Herausforderungen.


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