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Tagungsbericht

„Muster im Wandel. Zur Dynamik topischer Wissensordnungen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit.“

Veranstalter: FG 606 – Topik und Tradition. Prozesse der Neuordnung von Wissensüberlieferungen des 13. bis 17. Jahrhunderts.
Ort, Datum: Freie Universität Berlin, 30.11.-2.12.2006

Bericht von: Frank Jasper Noll, Berlin

 

Die Geschichte der abendländischen Wissenschaften zeugt von einem dramatischen Anwachsen der Menge des überlieferten und gesammelten Wissens in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Einheitlichkeit, Vollständigkeit und Ordnung des Wissens erwiesen sich im Zusammenhang mit diesem Wachstum als die zentralen Anliegen der Epistemologie des 13. bis 17. Jahrhunderts. Die Lösung dieser Aufgabe setzte die Möglichkeit voraus, das alte und neue Wissen nach den Gesichtspunkten der Topik zu organisieren und in Form von Topoi-Sammlungen verfügbar zu halten. Gleichermaßen Chance und Problem der solcherart katalogisierten Muster zur Verwaltung des Wissens sind ihre vielfältigen, mitunter gegensätzlichen Anwendungsmöglichkeiten, die zudem die Grenzen einzelner Disziplinen sprengen: diese ihre interne Logik befähigt sie einerseits zur Bewältigung neuer Phänomene und macht andererseits eine kontinuierliche inventio, ein laufendes Differenzieren und Umarbeiten der Topoi und ihrer spezifischen Organisation nötig.

Vom heutigen Standpunkt aus gesehen muß eine Erforschung der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte im Horizont der Topik deshalb interdisziplinär vorgehen, wenn sie eine einheitliche Terminologie zum Ziel hat. Nur im Kontext unterschiedlicher Wissenschaften kann die Topik umfassend erarbeitet und so ein methodisches Instrumentarium bereitgestellt werden, das es erlaubt, die Transformationsprozesse und Darstellungsmodalitäten mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wissens adäquat zu beschreiben.

Dieser Einsicht folgte auch die Auftakttagung der Forschergruppe Topik und Tradition an der Freien Universität Berlin, die sich mit der Dynamik topischer Wissensordnungen in Spätmittelalter und Früher Neuzeit auseinandersetzte. Gemäß der interdisziplinären Ausrichtung der Forschergruppe verorteten Vertreter unterschiedlicher Fachdisziplinen – Philosophie, Jura, Kunstgeschichte, Literatur- und Geschichtswissenschaft – die Topik im je eigenen wissenschaftlichen Kontext und projektierten zugleich eine einheitliche Terminologie als Grundlage wissenschafts- und wissensgeschichtlicher Forschung.

Die Tagung begann mit einem Rundgang durch die neue, von Sir Norman Foster gestaltete Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin, deren Ausstattung und Funktionsweise der Bibliotheksleiter Klaus Ulrich Werner mit einem begleitenden Vortrag erläuterte. Unmittelbar relevant ist die tagungseigene Frage nach den Möglichkeiten und der Dynamik von Wissensordnungen auch für Bibliotheken, deren zentrale Aufgabe in der Organisation und Repräsentation vorhandener Wissensbestände liegt.

Im Anschluß stellte Wilhelm Schmidt-Biggemann, der Sprecher der Forschergruppe, in seinem einleitenden Vortrag „Überlegungen zum Verhältnis von Wissensgeschichte und Wissenschaftsgeschichte“ an. Als Aspekt dieses Verhältnisses zeigte sich zunächst das sowohl erkenntnis- wie wissenschaftstheoretische Problem, Erfahrungen der Vergangenheit in Erwartungsschemata für die Zukunft zu übersetzen. Zentrale Aufgabe ist dabei die Kontextualisierung und Verallgemeinerung der einzelnen Erfahrung. Dies geschieht in Bildern, Begriffen oder Schemata, verstanden als intentionale Akte, die komplexe Erzählzusammenhänge als Einheit fassbar machen. Mit der Lexikalisierung dieser Schemata (Topoi) ergibt sich stets von neuem die Möglichkeit, sie in bestimmten Strukturen zusammenzustellen und auf diese Weise zu wissenschaftlichen Feldern zu arrangieren. Die Aufgabe der Topik in diesem Zusammenhang ist daher zwiefältig: sie stellt die materialen Topoi fest und beschreibt zugleich die Arrangements, in denen diese Topoi zusammengeschlossen sind. Die Topik gibt damit ein methodisches Instrumentarium an die Hand, das historischen Wandel als Wissenschaftsgeschichte begreifbar macht.

Die erste Sektion der Tagung (juristische Topik und ihre Geschichte) wurde von Jan Schröder eröffnet, der über „Topik und Jurisprudenz in der frühen Neuzeit“ sprach. Für die Rechtswissenschaft war und ist die Topik vor allem als Argumentationslehre im Hinblick auf die Beweisführung vor Gericht von Bedeutung. Ihren Höhepunkt erlebte die allgemeine juristische Topikliteratur im 16. Jahrhundert: Betont wird unter anderem der Nutzen topischer Maximen bei lückenhafter Gesetzeslage. Im 17. und 18. Jahrhundert bekommt die historische Erfahrung im Sinne einer Sachkenntnis deutlich höheren Stellenwert gegenüber der rein formalen Topik, die jedoch weiter besteht und innerhalb der Jurisprudenz fachspezifisch ausdifferenziert wird. Im Zusammenhang der juristischen Interpretationstheorie werden Topoi-Kataloge bereits im späten 15. Jahrhundert zur Kommentierung von Gesetzen genutzt. Die Frage nach der Ermittlung des vom Wortlaut abweichenden Sinns eines Gesetzes wird jedoch schon im 17. Jahrhundert anders beantwortet: So stützt Christian Thomasius seine Interpretation eher auf Politik, Ökonomie und Geschichte als Referenzrahmen. Als Methode zur wissenschaftlichen Darstellung eines juristischen Themas bleibt die Topik – ausgehend von Melanchthons Methodenlehre – länger von Bedeutung: Hier verblasst sie erst im 18. Jahrhundert mit der Forderung nach einer Gliederung „aus der Sache selbst“. Zu einer Gesamtdarstellung des Rechts auf topischer Grundlage kommt es hingegen nicht.

Am Beispiel der juristischen Curricula an den oberitalienischen Universitäten erläuterte anschließend Helmut G. Walther seine Ausführungen „Zum Wandel und zur Begründung juristischer Argumentationstechniken an den italienischen und deutschen Universitäten im 15. und frühen 16. Jahrhundert“. Dabei stellte er zunächst die grundsätzliche Einigkeit des 15. und 16. Jahrhunderts in Bezug auf das Ziel des juristischen Universitätsstudiums heraus, keine Rechtsgelehrten, sondern praxisorientierte Berufsjuristen auszubilden. Diese Orientierung machte im Hinblick auf die politischen Entwicklungen der Frühen Neuzeit einen langfristig angelegten Methodenwandel nötig: Neben die Praxis der additiven Glossierung der Rechtsbücher samt Kommentaren trat die Variante des problemorientierten Kommentars, der argumentativen Verknüpfung einzelner Rechtslehren. Im Falle der oberitalienischen Kommunen stand dabei das Problem der Ermittlung von Legitimitätskriterien für neuere Herrschaftsformen im Vordergrund: Um etwa die Entwicklung der Kommunen zu Signorien rechtlich abzusichern, mußten die Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der Normen des römischen Rechts genutzt werden. Den jüngeren deutschen Rechtsschulen dienten die italienischen Universitäten und die dort vor dem Hintergrund einer spezifischen historischen Situation entwickelten praxisorientierten Argumentationstechniken als curriculares Vorbild, gegen das sich jedoch unter Verweis auf überzeitliche Wissens- und Rechtsordnungen hier und da Protest regte.

Mit einem Vortrag über „Topik und Wissenschaft bei Thomas von Aquin“ begann Matthias Lutz-Bachmann die zweite Sektion der Tagung (Philosophie und Topik). Er stellte zunächst fest, dass die Topik in den Schriften des Aquinaten zwar keinen prominenten Platz genießt, aber dennoch als bestimmter Wissenstyp begriffen und gegenüber anderen Wissensformen abgegrenzt wird. So unterscheidet Thomas in seinem Mitte des 13. Jahrhunderts verfassten Prolog zum Kommentar der 2. aristotelischen Analytik wissenschaftliches von topischem Wissen, indem er letzterem – mit der Methode der inventio – bloß Wahrscheinlichkeit, nicht jedoch Notwendigkeit zuschreibt. Gleichzeitig steht das topische Wissen der Wahrheit aber näher als die willkürliche Spekulation. Diese Unterscheidung führt Thomas dann in seinem Kommentar zur aristotelischen Metaphysik näher aus, wenn er das topische Erfahrungswissen als Wissen der artes, als Handlungswissen, bestimmt. Dabei ist die Menge der gemachten Erfahrungen die entscheidende Basis der erstrebten Verallgemeinerung im Sinne eines Topoi-Katalogs. In seiner summa contra gentiles schließlich bringt Thomas das topische Wissen mit dem allein auf Glauben und Meinung beruhenden theologischen Offenbarungswissen in Zusammenhang und unterscheidet beide Wissensformen vom notwendigen, gleichsam metaphysischen Wissen von Gott. Die Topik, von Thomas im Grunde nur in Bezug auf die Bücher des Aristoteles erwähnt, bekommt so einen ernstzunehmenden Stellenwert.

Die dritte Sektion (Topik und Literaturwissenschaft) wurde von Bernhard Scholz eröffnet, der über „Innere und äußere loci: die Poetik der Frühmoderne und die Grenzen der Darstellbarkeit“ sprach. Am Beispiel von Figurengedicht und Devise analysierte er poetologische Überlegungen des 16. und 17. Jahrhundert im Hinblick auf ihre Voraussetzungen und inneren Wandlungsprozesse. Ebenso wie die Metawissenschaften eine Rückführung des Einzelgegenstands auf Allgemeinheiten, verlangte die Dialektik eine Subsumtion unter die Kategorien des Artefakts und des natürlichen Gegenstands: Ereignis, Zeichen und Prozess sind in einem solchen Schema nicht erfasst. Das Figurengedicht und die Devise fordern jedoch dazu auf, ihrem Zeichencharakter begrifflich Rechnung zu tragen. Bei diesem Versuch zeigte sich die frühmoderne Poetik grundlegend vom aristotelischen Schema der vier Ursachen beeinflusst: so bestimmt etwa Julius Caesar Scaliger in Analogie zum Bildhauer die Sprache als den Stoff, den der Dichter mit Hilfe der Metrik „informiert“. Dieser Vorgang, allein Sache des innerhalb eines metrischen Rahmens wirksamen dichterischen ingeniums, ist nicht nur theoretisch durch Verweis auf Aristoteles, sondern auch intuitiv durch mögliches Wiedererkennen abgesichert. In seiner ähnlich gelagerten Auseinandersetzung mit der Devise versucht Paolo Giovo zunächst, das Motto als causa formalis zu bestimmen. Erst Henri Estienne erkennt 1645 ihre metaphorische Struktur, legt eine vom Motto angeregte Vergleichung als ihre Formursache fest und macht die Devise selbst zum locus innerhalb der Dichtungslehre.

In seinem Vortrag mit dem Titel „Gibt es Pathosformeln? Anfragen an Aby Warburgs „Pathosformel“-Konzept“ setzte sich Joachim Knape anschließend mit Warburgs Theorieangebot für eine zeitgenössische Bildrhetorik auseinander und arbeitete die Vorzüge und Probleme seiner Konzeption heraus. Dabei zeigte sich – vor dem Hintergrund der Entwicklung des Strukturalismus im frühen 20. Jahrhundert – die Suche nach „Pathosformeln“ als unerwartet strukturalistisch beeinflusst: ebenso wie sein Zeitgenosse de Saussure auf linguistischem Gebiet bemüht sich auch Warburg um Morphologie und Syntax als Ordnungsmerkmale einer Bildersprache. Allerdings erweist sich die „Pathosformel“ als Begriff für weiter gefasste Phänomene: unter sie fallen ganze mythologische Themenkomplexe, die von einer substantialistischen Zeichenauffassung und der Nähe zum Toposbegriff eines Ernst Robert Curtius zeugen. Entsprechend begreift Warburg die „Pathosformeln“ denn auch als energetische Engramme, als Bildformeln, die im Sinne einer biologisch-psychologischen Prägung über große Zeiträume hinweg wirken können. Problematisch bleibt vor dem Hintergrund einer modernen Auffassung von der Konventionalität des Zeichens Warburgs Vorstellung des historischen Transfers eines solchen „archaischen“ Formelschatzes. Eine sich als Kommunikationswissenschaft verstehende Bildrhetorik kann Warburgs Formelbegriff jedoch rhetorisch auswerten: aus Warburgs Forschungen zur Darstellung von Bewegungen in der Renaissancekunst ließe sich ein Code von Notationsformen gewinnen, die kommunikativ eingesetzte Bewegungen im Bild repräsentieren sollen.

Mit einem Vortrag über „Annibale Carracci und die Kunst, das Alte vollkommen neu zu erfinden“ leitete Ulrich Pfisterer die vierte Sektion der Tagung ein (Topik und Bildformeln in der Kunstgeschichte). Am Beispiel des italienischen Malers der Spätrenaissance setzte er sich mit der Topik im Spannungsfeld der neuentdeckten Innovationskraft des Künstlers auseinander. Diese Innovationskraft, das künstlerische ingenium, wird in der italienischen Kunsttheorie des 16. Jahrhunderts mehr und mehr zum Gegenbegriff der topischen inventio-Lehre, die man nicht mehr als „Generalschlüssel“, sondern als partielle Verfahrensmöglichkeit betrachtet. In seinem Frühwerk erhebt Carracci dieser Auffassung entsprechend den Anspruch auf eine Neubegründung der Malerei durch radikalen Bruch mit der Tradition, durch Verzicht auf jegliche Ausbildung und Verlass auf das eigene, an der Nachahmung der Natur geschulte ingenium. Entgegen dieser radikalen Selbststilisierung greift er in seinem Spätwerk jedoch deutlich auf tradierte Bildformeln zurück. Allerdings ist diese künstlerische Tradition für ihn nicht mehr selbstverständlicher Ausgangspunkt, sondern Gegenstand souveränen Umgangs, der die Möglichkeit einschließt, tradierte Themen im Sinne der historischen Wahrhaftigkeit umzuformulieren: so „verschleiert“ Carracci gleichsam die eigene Bildung an der Tradition und stellt dennoch sicher, dass die beabsichtigten Bedeutungszusammenhänge gewahrt bleiben.

Anschließend sprach Michael Thimann über die „sapientia veterum: Zur Wissenserzeugung im frühneuzeitlichen Historienbild“. Er stellte zunächst fest, dass das Historienbild in verschiedenen Kontexten als Wissensträger von Bedeutung ist: es kann didaktische Vorgaben umsetzen, eine historische Erzählung illustrieren oder die Natur abbilden. Zwischen diesen Felder können jedoch, etwa in Bezug auf die möglichen Gegensätze von empirischer Forschung und Bedeutungsgebung, erhebliche Unterschiede bestehen: Während im 16. und 17. Jahrhundert noch keine wesentliche Lücke zwischen allegorischer Bilddeutung und empirischer Naturwissenschaft aufklafft, wird das allegorische Modell im 18. Jahrhundert mit „neuem“, empirischem Wissen gefüllt. Die Möglichkeit, durch das Historienbild komplexe Wissensbestände zu transportieren und neu aufzunehmen, zeigt sich etwa am antiken Halkionemythos und seiner künstlerischen Umsetzung im 18. Jahrhundert: Neben der Tradierung der mythischen Erzählung gelingt dem Historienbild auch die Darstellung empirisch-naturkundlicher Phänomene. Dabei bleibt die allegorische Interpretation als Verständnishintergrund bestehen: Sie sorgt für ein Verständnis des Historiengemäldes als Sinnbild und künstlerische Darbietung allgemeiner Wissensinhalte. Im Zusammenspiel verschiedener Wissenskontexte stellt sich das Historienbild so als ein genuines Medium der Wissenserzeugung dar.

Zum Abschluß fasste Wilhelm Schmidt-Biggemann die Ergebnisse der Tagung zusammen und projektierte die weitere Arbeit der Forschergruppe. Er verwies auf die Möglichkeit, mit Hilfe der Topik identische Schemata in unterschiedlichen Disziplinen und Medien zu beschreiben. Als wichtigen Schwerpunkt bezeichnete er die weitere Erforschung der topischen Argumentation, die nicht allein semantische Inventare, sondern vor allem die spezifische Nutzung dieser Inventare betrifft. Zudem mache eine enge Verbindung von Sprache und Bild die Frage nach deren jeweiliger Medialität virulent. Darüber hinaus könnte es gelingen, mit Aby Warburg theoretischen Konzeptionen eine Brücke zwischen der „alten“, an Cicero geschulten Topik, und einer „neuen“ Topik universaler Seme im Sinne Curtius’ zu schlagen.


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Stand: 05.02.2008

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