Kunstreligion oder religiöse Kunst?

Datum: 3.– 4. März 2017
Ort: FU Berlin
Konzeption: Dr. Tim Lörke

Der in der germanistischen Forschung der letzten Jahre notorisch undefinierte Begriff der Kunstreligion stand im Mittelpunkt des Workshops. Kunstreligion scheint zu einem Begriff avanciert zu sein, der ein Qualitätsurteil ebenso umfasst, wie er den jeweiligen kunstreligiösen Text zu etwas Besonderem, den üblichen literarischen Text Übersteigendem adelt. Dagegen schwingt bei religiöser Kunst immer eine Form der Abwertung mit, als handelte es sich bei solchen Texten stets um ästhetisch minderwertige Erzeugnisse, um Gebrauchstexte, die für den kirchlichen Raum oder zur häuslichen Erbauung bestimmt sind. Texte, die als kunstreligiös gelten, werden aufgewertet, weil sich in ihnen eine Dimension aussprechen soll, die anderen Texten zu fehlen scheint. Eine Dimension allerdings, die kunstreligiöse Texte zugleich der vermeintlich simplen religiösen Bekenntniskunst qualitativ, in der Aussage wie in der künstlerischen Form, überlegen macht. In der Kunstreligion manifestiert sich eine Transzendenz oder doch eine Erfahrung von Transzendenz, die den literarischen Text weit übersteigt und die kunstreligiöse Aussage einbindet in ein umfassendes Ordnungs-, Heils- oder Erlösungssystem. Darin aber sind kunstreligiöse Texte den religiösen absolut vergleichbar, denn gerade religiöse Kunst verkündet ja ein dem Text und dem Sprechanlass übergeordnetes und ihm vorgängiges Heilsgeschehen. Und doch gibt es einen intuitiven Vorbehalt, im Zusammenhang mit Kirchenliedern von Kunstreligion zu sprechen.

Ist es also überhaupt sinnvoll, zwischen Kunstreligion und religiöser Kunst zu unterscheiden, ja weiterhin auf ihrem Gegensatz zu bestehen? Auf den ersten Blick scheint die Kunstreligion sich von der religiösen Kunst einzig dadurch zu unterscheiden, dass sie eben nicht in einem kirchlich oder konfessionell gebundenen Kontext entsteht und dort nicht für rituelle Handlungen eingesetzt wird, sondern frei von jeder äußeren Beeinflussung zum autonomen ästhetischen System der Kunst gehört. Deswegen wird gerade der Kunstreligion eine höhere künstlerische Qualität zugeschrieben als religiösen Texten. Wenn man aber an den beiden Begriffen Kunstreligion und religiöse Kunst festhalten will, dann muss unbedingt die differentia specifica herausgearbeitet werden, die das eine vom anderen unterscheidet. Denn eine Begriffsdefinition ist nur dann erfolgreich, wenn sie einen Sachverhalt klar von einem anderen trennt. Das Merkmal der Autonomie reicht dabei nicht aus, um verlässlich zwischen Kunstreligion und religiöser Kunst trennen zu können, weil beide Phänomene zu viele gemeinsame Eigenschaften miteinander teilen: die weihevolle Sprache, die Behandlung von religiösen Fragen nach dem Sinn des Lebens, die Einbindung in ein umfassendes Ordnungsdenken. Überhaupt lässt sich Kunstautonomie nur schwer messen. Das Kriterium der Autonomie, das für die Kunstreligion geltend gemacht werden soll, verschwimmt in dem Moment, in dem sich als kunstreligiös verstandene Texte religiöser Themen annehmen und mit religiösen Formen oder religiöser Sprache sprechen. Selbst das subjektive In-Beziehung-Setzen zum Göttlichen und zu theologischen Traditionen rechtfertigt nicht völlig, von Autonomie zu sprechen, auch wenn eine sehr individuelle Bezugnahme vorliegt, die den Rahmen vorgegebener Denk- und Sprechweisen reflektiert, ironisiert oder verwirft. Das Religiöse bleibt trotzdem als Vorwurf des literarischen Texts.

Auf der Grundlage eines Readers, der vorab verschickt wurde, arbeiteten die LiteraturwissenschaftlerInnen Cordula Lemke, Jutta Golawski-Braungart, Wolfgang Braungart, Matthias Löwe, Robert Walter-Jochum, Bastian Schlüter, Tomas Sommadossi und Tim Lörke zunächst die Schwachstellen einiger Definitionen von ‚Kunstreligion‘ heraus, ehe der Begriff an seinem historischen Ort gemustert wurde. Die Schwierigkeit, aus einem solchen historischen Begriff, der seinen Platz im Diskurs eines bestimmten geschichtlichen Szenarios hat, einen systematischen Begriff zu machen, der auch zur Beschreibung und Interpretation von Texten außerhalb des eigentlichen Szenarios zu nutzen wäre, bestimmte die weitere Diskussion. Zudem wurde, um sich von den bisherigen Definitionen abzusetzen und eine neue zu erarbeiten, der Religions-Begriff anders gefaßt als in der vorliegenden Literatur. Ausgehend von Max Webers Beobachtung in der Zwischenbetrachtung der Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie und der Religionstheorie von Martin Riesebrodt (2007) wurde zunächst ‚Religion‘ religionswissenschaftlich und religionssoziologisch geschärft und ihre anthropologische und gemeinschaftsbildende Funktion gemustert, ehe auf dieser Grundlage die verschiedenen Sinnstiftungssysteme Kunstreligion und religiöse Kunst voneinander unterschieden wurden. Aus der germanistischen Perspektive zeigte sich dabei, dass der religionssoziologische Religionsbegriff Riesebrodts, der sich gegen eine funktionale Bestimmung wendet, für die in Rede stehenden Texte nicht genutzt werden kann, da diese gerade funktionale Religionsmerkmale voraussetzen und sich in ein spielerisches Verhältnis dazu setzen.

Die Arbeitsform des Workshops, auf Referate zu verzichten und stattdessen eine geleitete, textbasierte Diskussion zu führen, war besonders erfolgreich: Dadurch konnten die verschiedenen Expertisen zur Kritik der jeweiligen Texte eingesetzt werden.

 Bericht: Dr. Tim Lörke

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