sei es etwas oder nichts – Beckett and Dialectics

Datum: 01.02.2016
Ort: FU Berlin, Raum JK 33/121
Planung und Organisation: Eva Heubach
Programm

Die eintägige Konferenz mit dem Titel „sei es etwas oder nichts“ – Beckett and Dialectics fand am 1. Februar 2016 im Seminarzentrum der Freien Universität statt.

Das Zitat, das sich die Konferenz zum Anlass nahm und in ihrem Titel trägt, stammt aus Samuel Becketts ‚Deutschen Brief’ aus dem Jahr 1937. „sei es etwas oder nichts“ – mit dieser Formulierung betitelt Beckett hier das eigentümliche ‚Objekt’, auf das jegliche zeitgenössische Literatur hinzuarbeiten habe. Die Methode, mittels der ein Schriftsteller dieses eigentümliche Objekt erreichen könne, bestünde darin, sein Arbeitsmaterial – nämlich den „Schleier“, der „Sprache“ ist – so zu manipulieren, dass „[e]in Loch nach dem anderen“ hineingebohrt wird, bis schließlich etwas von diesem ‚Objekt’, das hinter oder unter dem Schleier liegt, „durchzusickern anfängt“.

Was man dem ‚Deutschen Brief’ entnehmen kann ist damit eine sonderbare, wenn nicht paradoxe Definition der Aufgabe moderner Literatur: Sie soll auf das zielen, was hinter der Sprache liegt und zwar mit den Mitteln der Sprache. Zugleich liefert der Text eine Qualifizierung, was in einem solchen Verständnis hinter der Sprache liegt: „sei es etwas oder nichts“. Es scheint so, als wäre in dem damit definierten Projekt eine doppelte Dialektik am Werk: Zum einen eine Dialektik zwischen Literatur und ihrem eigentümlichen Objekt, zum anderen eine Dialektik, die gerade dieses Objekt selbst betrifft, und gegebenenfalls sogar genau in ihm stattfindet.

Das Programm der Konferenz gliederte sich in zwei Panels, die jeweils von einem Keynote-Vortrag gefolgt wurden. Das erste Panel widmete sich einer Re-Evaluation des Zusammenhangs der kritischen Theorie und Beckettschen Literatur: Natalie Leeder (Royal Holloway, London) präsentierte eine Lektüre von All Strange Away und Imagination Dead Imagine, in der sie diese späten Prosastücke Becketts einem adornitischen Verständnis von Metaphysik gegenüberstellte. Eva Heubach (FU / HU Berlin) stellte die Frage, welche Relevanz Adornos bislang kaum kommentierte „Marginalien zum Namenlosen“zukommt und nahm diese zum Anlass, um den in ihnen angelegten Verbindungen zu Georg Lukács’ Theorie des Romans nachzugehen und auf diese Weise auf das Verständnis einer spezifisch präsentischen Zeitlichkeit in Becketts L’Innommable hinzuarbeiten.

Als erster Keynote-Sprecher des Tages konnte der slowenische Philosoph Mladen Dolar (University of Ljubljana) begrüßt werden. Sein Vortrag mit dem Titel „Two Shades of Grey“ setzte sich mit der Dynamik der Figur der ‚Zwei’ auseinander. Mit Fokus auf den Roman Mercier und Camier lieferte Dolar eine Grundlagen schaffende Lektüre der für das gesamte Werk Becketts fundamentalen Kategorie des „pseudo-couples“.

Nach der Mittagspause eröffnete André Otto (FU Berlin) das zweite Panel und stellte die Frage nach dem spezifischen Potential der hermeneutischen „Verführung“ in Watt – ein Roman, dem sich im Anschluss auch Philipp Weber (Ruhr-Universität Bochum) widmete und aufzeigte, wie sich in diesem Text das Potential des Romans zur Thematisierung seiner eigenen Form ausgebildet findet. Beendet wurde dieses zweite Panel von Tadej Troha (Slovenian Academy of Sciences and Arts, Ljubljana) mit einer Exkursion in Becketts dramatisches Werk. Anhand ausgewählter Theaterstücke Becketts beleuchtete Troha die Rolle der Regieanweisungen für die Erzeugung einer spezifisch Beckettschen Dynamik der Pause.

Beschlossen wurde der Tag mit einem Abendvortrag des französischen Philosophen Alain Badiou (ENS, Paris). Badiou, der unlängst in The Cambridge Companion to Samuel Beckett als einer der „Schlüsselinterpreten“ von Becketts Werk aufgeführt wurde, hat mit seinen vorwiegend in den 1990er Jahren erschienenen Texten zu Beckett eine regelrechte Wende in der Beckett-Rezeption hervorgerufen. In seiner im Rahmen der Konferenz erstmals präsentierten Wiederaufnahme und Erweiterung seiner früheren Lektüren, zeigte Badiou anhand einer Unterteilung des Beckettschen Werks in drei Phasen, wie sich „Beckett’s Method“ – so der Titel des Vortrags – auf der Ebene der Werkstruktur ausgebildet findet.

Alle Vorträge der Konferenz wurden von einer kurzen Respondenz begleitet. Respondenten waren Eva Geulen (ZfL / HU Berlin), Claudia Olk (FU Berlin) und Frank Ruda (FU Berlin)