Allegorie, Zeit, Kristall. Benjamins unvollendetes Baudelairebuch

Prof. Härle und eine der Organisatorinnen
Prof. Härle und eine der Organisatorinnen
Im Gespräch mit Prof. Härle
Im Gespräch mit Prof. Härle
Teilnehmerinnen der Lecture cum Seminar
Teilnehmerinnen der Lecture cum Seminar
Datum: 19.05.2016
Ort: FU Berlin, Raum JK 33/121
Leitung: Prof. Dr. Clemens-Carl Härle

Clemens C. Härle ist Professor für Germanistik und Ästhetik an der Universität Siena. Schwerpunkte seiner Forschung sind die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts (Rilke, Kafka, Brecht, Celan, Bachmann), die Literaturtheorie und komparatistische Ästhetik (Literatur, Malerei, Kino), die kritische Theorie und poststrukturalistische Philosophie.

Thema: Allegorie, Zeit, Kristall. Benjamins unvollendetes Baudelairebuch

Tout pour moi devient allégorie, ruft Baudelaire in Le cygne aus. Benjamin relativiert den Ausspruch, indem er ihn der Poetik der correspondances gegenüberstellt, und rückt ihn doch zugleich ins Zentrum seines Vorhabens. Denn er erlaubt ihm, die verzeitlichte poetische Allegorie Baudelaires einerseits der Allegorie des Trauerspielbuchs zu kontrastieren, andererseits der nicht-poetischen Allegorie der Ware. Das Miniaturmodell des Passagen-Werks bewegt sich entlang dieser Scheidelinie von Kunst und Geschichte, unternimmt eine Synthesis des Ungleichartigen. Sein epistemologisches Konzept wird in der XVII. These über den Begriff der Geschichte formuliert, das virtuell allegorische Verfahren der Montage setzt es in Szene.

Der Vortrag und das Seminar bieten die Möglichkeit an, nicht nur ein wichtiges Feld Benjamins Denken besser kennenzulernen, sondern sich auch mit seiner Auffassung der Moderne sowie mit einigen Grundbegriffe der Epistemologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen, und einige Aspekte der fruchtbaren Wechselwirkungen zwischen Denker und Dichter, Philosophie und Literatur, zu untersuchen. Die methodologischen und epistemologischen Probleme des Vorhabens Benjamins und ihre Beziehungen zum Passagenwerk und zu den Thesen über den Begriff der Geschichte werden im Seminar behandelt. Nicht zuletzt können Fragen der Rekonstruktion von Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, wie sie in der italienischen bzw. französischen Edition der bislang veröffentlichten und unveröffentlichten Texte Benjamins versucht wurde, erörtert werden (hrsg. in Zusammenarbeit mit Giorgio Agamben und Barbara Chitussi: it. Ausgabe: Neri Pozza, Vicenza 2012; franz. Ausgabe: La fabrique, Paris 2013).

Konferenzbericht:

Die Veranstaltung wurde von den Stipendiatinnen Giulia Cigna und Maddalena Graziano im Rahmen der Reihe „Lecture cum Seminar“ konzipiert und organisiert und bestand aus zwei Teile: während am Vormittag Clemens-Carl Härle einen Vortrag zum Thema „Allegorie, Zeit, Kristall. Benjamins unvollendetes Baudelairebuch“ hielt, fand am Nachmittag ein zweistündiges Seminar statt.

Im ersten Teil des Workshops wurden die Teilnehmer zu Benjamins letzten intellektuellen Werkstatt eingeführt. In seinem Vortrag erläuterte Clemens-Carl Härle einerseits zentrale Begriffe des Denkens Benjamins - wie Allegorie, Ware, Zeit, Erfahrung – und interpretierte sie in ihren Verknüpfungen und Differenzen, anderseits kommentierte er Benjamins Arbeitsweise, die zur Form des Fragmenten neigt, die untersuchten Texte zerstückelt und sie durch das Verfahren der Montage wieder organisiert. Dadurch wird die Linearität mit der Idee einer „stillgelegten Zeit“ der Monade und des Kristalls ersetzt.

Das Seminar bot einen offenen Raum zur Diskussion an.  Die Veranstaltung war nicht nur für Schlegelianer gedacht, sondern auch für Studierenden und Promovierenden der FU offen, die reines wissenschaftliches Interesse an Benjamin haben oder die im Rahmen ihrer Dissertation Benjamins Werk untersuchen. Unter den Teilnehmern waren also auch einige DoktorandInnen, die zu Benjamin arbeiten, welche mit ihren Fragen und Anmerkungen viele Anstöße für die gemeinsame Diskussion lieferten.