Rhetoriken der Bewegung. Tanz – Pantomime – Akrobatik. Tagung

Plakat - Rhetoriken der Bewegung
Bildquelle: FSGS
Bildquelle: FSGS
Datum: 30.11.–01.12.2018
Ort: KL 32/202 (am 30.11.) & JK 33/121 (am 01.12.)
Organisation: Nina Tolksdorf
Anmeldung: nina.tolksdorf@fu-berlin.de

Ausgangspunkt des Workshops war die Überlegung, dass in weiten Teilen der Geisteswissenschaften, sobald die Schrift ihren Weg auf das Papier gefunden hat, ein relativ unbeweglicher Schrift-Begriff vorherrschend ist. Der 2-tägige Workshop spürte ausgehend von dieser Überlegung sowohl dem Tänzerischen, Akrobatischen und Pantomimischen, kurz, den Bewegungen von und in Texten, als auch der écriture des Tänzerischen und der Bewegungen nach. Bewegungen wurden dabei in der konkreten Schreibszene, der Grammatik, der Narration, in einzelnen Buchstaben in Skizzen, Dingen und Gesten aufgesucht. Immer wieder stand dabei die Lesbarkeit von bewegten Texten und stillgestellten Bewegungen im Zentrum sowie die Frage, ob und inwiefern Unlesbarkeit durch Bewegung die Potentialität von Texten und Schrift deutlich macht.

Einleitend warf Alexander Schwan in seinem Vortrag „Runentanz als Skandalon der écriture corporelle“ das Problem der Ideologisierung von Körperschriften auf: Immer wieder wurden vermeintlich natürliche Korrelationen von Körper und Buchstabe dafür eingesetzt, um Nationalideologien zu theoretisieren und misogyne Narrative zu begünstigen. Das Beispiel, das Margarete Fuchs in ihrem Beitrag „Zusammendenken: Performanz – Material – Schrift“ vorstellte, spielte in diese Problematik hinein. Die Artistin Thea Alba tourte Anfang des 20. Jahrhunderts durch Europa und trat vor allem auch vor deutschen Soldaten mit einer Performance auf, in der sie mit 10 Fingern je andere Buchstaben oder Zahlenkombinationen gleichzeitig schrieb. Anhand der Fotographien der „woman with 10 brains“ stellte sich jedoch bald die Frage, was hier eigentlich ausgestellt wird: das Talent oder der Körper der Künstlerin, der zum Schreibgerät, zur Schreibmaschine wird.

Felix Reinstadler fragte mit Texten und einer Bilderreihe mit dem Titel „Die Bewegung“ von Adalbert Stifter, wo Schrift aufhört und Malerei beginnt sowie umgekehrt. Bald suchten alle Teilnehmenden nach bedeutungstragenden Strichen in der Bleistiftzeichnung Stifters. In dem Vortrag „Texttheatralität der Pantomime“ fragte Mathias Meert anhand der Pantomime „Amor und Psche“ von Hugo von Hofmannsthal nach dem literarischen Eigenwert von Pantomimen. Wenn die literarische Pantomime als nachahmender Text in den Hintergrund rückt, kann ihre Texttheatralität den Blick auf die Performativität des Textes schärfen. Die Aufführung und der Kurzvortrag der Pantomimin Nina Martin gaben Anlass zu diskutieren, ob es die wortlose Kunst anstrebt, verstanden zu werden und inwiefern sie zu diesem Zweck Klischees bedienen und Stereotypen aufgreifen muss und will. Ist die Pantomime primär Nachahmung vorhandener Rollenbilder oder kann sie zum Beispiel durch überzeichnete Klischees auch kritisches Potenzial entwickeln?

Lucia Ruprecht fragte in ihrem Vortrag, wie wir Gesten denken können und wollen. Vor dem Hintergrund von Georgio Agambens These, dass es am Ende des 19. Jahrhunderts eine radikale Veränderung der Geste und des Gestischen gebe, plädierte Luca Ruprecht für ein Theoretisieren und Historisieren der Geste im Umfeld von Ausdrucks- Tanz- und Performancediskursen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dem Beitrag zu Robert Walsers „Der Schuss. Eine Pantomime“ stellte Nina Tolksdorf vor allem die Bewegungen der Grammatik und Rhetorik in den Vordergrund, um so das Pantomimische der Pantomime als Beweglichkeit des Textes einerseits und das Ineinandergreifen von Rhetorik und Narration andererseits, herauszuarbeiten. Abschließend stellte Johanna-Charlotte Horst mit Texten von Georges Perec das Schreiben als exercice und als Arbeit an der Bedeutung und dem Gebrauch der Sprache ins Zentrum der Diskussion. Auch hier kamen wieder Un/Lesbarkeit und Potentialität von Bedeutungen ins Spiel, sodass sich abschließend fragen lässt, ob nicht gerade in der Bewegung Bedeutung zwar generiert wird, die Bedeutung letztlich aber, weil die Bewegung sie verwischt und sie nicht abschließen codiert ist, unlesbar bleibt. Durch die ausgesetzte Lesbarkeit wird sich die ganze Potentialität des Textes und der Bewegung immer erst in der Zukunft entfalten.

Programm

30.11.2018, KL 32/202

9:30 Uhr NINA TOLKSDORF: Begrüßung

10:00 Uhr ALEXANDER SCHWAN: „Runentanz als Skandalon der écriture corporelle”

11:45 Uhr MARGARETE FUCHS: „Zusammendenken: Performanz – Material – Schrift“

12:45 Uhr Mittagessen

14:00 Uhr FELIX REINSTADLER: „Wie die Schrift sich bewegt. Über eine Beschreibung und eine Zeichnung Adalbert Stifters.”

15:15 Uhr MATHIAS MEERT: „Texttheatralität der Pantomime”

16:30 Uhr NINA HLAVA-MARTIN: „Pantomime versus Dekadenz”

19:00 Uhr Abendessen

01.12.2018, JK 33/121

10:00 Uhr LUCIA RUPRECHT: „Gestural Imaginaries: Gesten/denken im frühen 20. Jahrhundert”

11:45 Uhr BARBARA DI NOI: „Der Tanz der Buchstaben und der Klänge in E.T.A. Hoffmanns Prinzessin Brambilla auf dem Hintergrund der mimetischen Theorie Walter Benjamins”

12:45 Uhr Mittagessen

14:00 Uhr JOHANNA-CHARLOTTE HORST: „Perecs akrobatische Buchstäblichkeit”

15:15 Uhr JULIA RÖTHINGER: „Im Labyrinth der Sprache. Tanz der Buchstaben in Friedrich Dürrenmatts Ballade Minotaurus”

16:15 Uhr Verabschiedung