Literatur x Wissenschaft: Realismus - Colloquium zu etablierten Konzepten und zeitgenössischen Schreibstrategien des Realismus

Bildquelle: FSGS
Datum: 26.11.2018
Ort: Lettrétage, Mehringdamm 61, 10961 Berlin
Organisation: Barbara Bausch, Jennifer Bode, Dr. Julia Weber

Im Colloquium diskutierten AutorInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen aus ihren unterschiedlichen (Schreib-)Perspektiven den spezifisch literarischen Zugriff auf Wirklichkeit.

„Der Romanautor ist Realist, egal, welchen Stil er bevorzugt“[1], konstatiert Hans-Ulrich Treichel und schlägt damit einen Ton an, der in der zeitgenössischen Literaturkritik allgegenwärtig ist: Seit geraumer Zeit wird eine „Wiederkehr des Erzählens“ in realistisch-mimetischem Sinne für die Gegenwartsprosa konstatiert. Dass die Literatur wieder im Zeichen des Realismus stehe, wird nicht nur diagnostiziert, sondern – insbesondere im Feuilleton unter Schlagworten wie „Welthaltigkeit“ – auch gefordert. Aber nicht nur der Bereich des Ästhetischen scheint von einer neuen Welle des Realismus erfasst, auch in Medien und Politik gibt es ein verstärktes Interesse am Konzept. Insbesondere in der Philosophie wird der Konstruktivismus zum Gegenstand der Historisierung: unter dem Namen „Neuer Realismus“ wird wieder die Existenz einer vom menschlichen Bewusstsein unabhängigen Wirklichkeit stark gemacht. Dem systematisch wie historisch geradezu „unendlichen“[2] Bereich des Realismus beizukommen mag bisweilen unmöglich scheinen, ist jedoch stets lohnend und notwendig, wie das Colloquium „Literatur x Wissenschaft: Realismus“ deutlich machte. Sechs DoktorandInnen und sechs AutorInnen (siehe unten) gingen gemeinsam mit den Moderatorinnen Dr. Julia Weber (FU Berlin) und Barbara Bausch (FSGS) historischen wie gegenwärtigen Positionen zum Thema nach und berücksichtigten insbesondere Fragen nach zeitgenössischen Schreibpraktiken.

Ihren Ausgangspunkt nahm die Diskussion beim Begriff und Konzept des Realismus. Mit Adalbert Stifters Erzählung Nachkommenschaften (1864) stand ein Text zur Debatte, in dem das Problem der Darstellung der „wirklichen Wirklichkeit“ im Zentrum steht. Albrecht Koschorke attestiert in seinem Aufsatz Unvermeidlich und nicht zu fassen. Das Reale als ästhetisch-epistemologisches Problem der Moderne (2015) der Moderne – unter anderem in Bezug auf Stifter – ein grundsätzlich dilemmatisches Verhältnis zum Realen, wobei er dieses „nicht als Ausdruck eines Versagens, sondern als Teil der Funktionalität der kulturellen Ordnung“[3] versteht. Ausgehend von Alexander Kluges Die schärfste Ideologie: daß die Realität sich auf ihren realistischen Charakter beruft (1975), Herta Müllers Lebensangst und Worthunger (2010) und Bernd Stegemanns Lob des Realismus (2015) beschäftigten sich die TeilnehmerInnen mit unterschiedlichen realistischen Methoden. „Es muß möglich sein, die Realität als die geschichtliche Fiktion die sie ist, auch darzustellen. Sie hat eine Papiertiger-Natur. Den Einzelnen trifft sie real, als Schicksal. Aber sie ist kein Schicksal, sondern gemacht von Menschen, die eigentlich die ganze Zeit über etwas ganz anderes wollten und wollen.“[4] In der Diskussion stand Alexander Kluges antagonistischer Wirklichkeitsbegriff sowie dessen Forderung an Literatur, eine Gegengeschichte zu schreiben, im Fokus. Kluges Ansatz, über „Konstellationen“ die Realität als geschichtliche Fiktion sichtbar zu machen, ließe sich vielleicht als verwandt betrachten mit Herta Müllers Credo gegen die Unmittelbarkeit: „Im Schreiben ist keine direkte Realität. Eins zu eins – Tatsache und Satz, das wird nichts. Die Erinnerung ist ein abstrakter Spiegel im Kopf, und der Wunsch, es zu sagen, erzwingt ein ganz neues Erleben durch die Sprache. Da stehen im Schreiben zwei Künstlichkeiten voreinander und schauen sich an.“[5] Schreiben – und realistisch schreiben – wird von beiden als grundlegende Kulturtechnik begriffen. Bernd Stegemann schließt sich dem momentan geläufigen Wettern gegen den Relativismus an und versucht im Anschluss an linke Denker einen Realismus fürs Theater zu rehabilitieren, der als Suche nach Verbindlichkeit werden kann. „Mit Realismus ist hier immer eine dialektische Kunst gemeint, die eine gemeinsame Erfahrung von Realität provoziert. […] Die Widersprüche des Lebens sind nicht nur das Problem des Individuums, sondern sie sind immer auch der Ausdruck für die gesellschaftlichen Widersprüche, in denen man zu leben gezwungen ist. Realismus soll hier also die ästhetische Methode heißen, mit der man einer immer widersprüchlicheren Welt noch beikommen kann.“[6] Auch wenn Stegemanns These, die Kunst der Avantgarden als Ausdruck des Kapitalismus zu lesen, in der Diskussion durchaus auf Interesse stieß, wurde sein Vorschlag zum Thema sehr kontrovers diskutiert.

Auf der Grundlage der besprochenen Texte wurden schließlich die literarischen Strategien der anwesenden AutorInnen fokussiert. Unter Rückbezug auf die Prosatexte wurde gefragt, wie realistisches Schreiben der Gegenwart aussehen könnte: Wie Erzählen realistisch und surrealistisch zugleich sein kann; wie dokumentarisches Schreiben seinen Gegenstand verändert; wie sowohl die Einhaltung der Konvention wie auch der Bruch realistische Effekte erzielen kann. Es rückten Fragen nach Authentizität in den Blick, die unter verschiedenen Aspekten betrachtet wurden – etwa unter der Frage, wie in einer medial gesättigten Gegenwart noch authentisch erzählt werden könne, oder ob die Zeit des Authentischen nicht grundsätzlich vorbei sei. Als zentrales Thema beim Schreiben wurde der Wahrheitsgehalt und die Frage nach einer (wie auch immer bestimmten) Aufrichtigkeit oder Redlichkeit den LeserInnen gegenüber, nach der Haltung der Schreibenden diskutiert. Es wurde so der Grenzbegriff Realismus umkreist, der einerseits immer versagt, an dem wir andererseits immer weiter festhalten. Die wirklichkeitsgetreue Repräsentation der Welt durch Sprache ist und bleibt „ein prekäres, in hohem Maße paradoxieanfälliges und letztlich zum Scheitern verurteiltes Programm“[7] – und dennoch eines, das zu faszinierend und reizvoll erscheint, um es endgültig zu verabschieden.


[1] DIE ZEIT 26/2005 vom 23. Juni 2005.

[2] Baßler, Moritz: Die Unendlichkeit des realistischen Erzählens. Eine kurze Geschichte moderner Textverfahren und die narrativen Optionen der Gegenwart. In: Carsten Rohde / Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Hrsg.): Die Unendlichkeit des Erzählens. Der Roman in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1989. Bielefeld 2013, S. 27-45.

[3] Koschorke, Albrecht: Unvermeidlich und nicht zu fassen. Das Reale als ästhetisch-epistemologisches Problem der Moderne. In: Jutta Müller-Tamm (Hrsg.): Labor der Phantasie. Berlin 2015, S. 27.

[4] Kluge, Alexander: Die schärfste Ideologie: daß die Realität sich auf ihren realistischen Charakter beruft. In: Gelegenheitsarbeit einer Sklavin. Zur realistischen Methode. Frankfurt a.M. 1975, S. 215 – S. 222, S. 215.

[5] Müller, Herta: Lebensangst und Worthunger. Im Gespräch mit Michael Lentz. Leipziger Poetikvorlesung 2009. Berlin 2010, S. 39.

[6] Stegemann, Bernd: Lob des Realismus. Berlin 2015, S. 11.

[7] Koschorke, Unvermeidlich und nicht zu fassen, S. 6.

Die AutorInnen und ihre aktuellen Veröffentlichungen:

Doris Anselm und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus (Luchterhand, 2017)
Christian Dittloff. Das Weiße Schloss (Berlin Verlag, 2018)
Sascha Macht Der Krieg im Garten des Königs der Toten (DuMont, 2016)
Matthias Nawrat Die vielen Tode unseres Opas Jurek (Rowohlt, 2015)
Der traurige Gast (erscheint im Januar 2019 bei Rowohlt)
Philipp Schönthaler Vor Anbruch der Morgenröte. Leben und Dienste I. Erzählungen (Matthes & Seitz, 2017)
Maren Wurster Das Fell (Hanser Berlin, 2017)

Die LiteraturwissenschaftlerInnen und ihre aktuellen Projekte:

Laurel Braddock Queer Characters and Ubuntu Philosophy in South African Literature
Karl Wolfgang Flender Konzeptuelles Wissen. Die experimentellen Schreibstrategien des Conceptual Writing
Felix Reinstadler Adalbert Stifters Rhetorik
Christoph Sauer Die teilnehmende Beobachtung als Denkfigur der Moderne in Ethnographie und Literatur
Dr. Simon Schleusener Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Das Philologische Laboratorium“
Dr. Nina Schmidt Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Graphic Medicine and Literary Pathographies: The Aesthetics and Politics of Illness Narratives in Contemporary Comics and Literature“
Mette Biil Sørensen Materielle Übersetzung – Konzipierung eines Begriffs zur Übertragung zeitgenössischer Foto-Texte aus literaturwissenschaftlicher und verlagspolitischer Sicht
Dorothea Trotter And she said 'Turn it on': Media, Voice and Identity in German and English Transnational Literature (2000-Today)