„Über die ästhetische Herkunft der Haltung“. Lecture cum Seminar mit Frauke Kurbacher

Plakat-Lecture cum Seminar mit Frauke Kurbacher
Datum: Samstag, 29.09.2018, 14:00–18:00 Uhr
Ort: FU Berlin, JK 33/121
Planung und Organisation: Jan Lietz
Anmeldung: jan.lietz@fu-berlin.de (bis 26.09.2018)

In Zwischen Personen. Eine Philosophie der Haltung (2017) formuliert Frauke Kurbacher eine These über die Entstehung der Moderne aus der Ästhetik: Ausgerechnet in der Kritik der Urteilskraft (1790) habe Immanuel Kant mit der Unterscheidung zwischen einer ‚bestimmenden‘ und einer ‚reflektierenden Urteilskraft‘ die für das moderne Subjekt konstitutive Möglichkeit eines Wechsels seiner ‚Haltung‘ thematisiert. Nicht nur habe Kant die Suspension eines logischen, d.h. begrifflich subsummierenden Selbst- und Weltbezugs zugunsten einer ästhetischen Erfahrung in einem „freien Spiel der Erkenntniskräfte“ aufgezeigt, auch werfe seine Unterscheidung die Frage nach der Freiheit des modernen Subjekts auf. In ihrem Vortrag wird Kurbacher ihre Rekonstruktion der ‚Haltung‘ aus der ästhetischen Urteilskraft darlegen, um anschließend die Konsequenzen zu verfolgen, die sich aus dem Versuch ergeben, den Gedanken der Autonomie nicht aus der Ethik, sondern aus der Ästhetik zu begründen: Was ändert sich für das Verständnis von Autonomie, wenn sie im Rahmen einer Philosophie der ‚Haltung‘ aus der Ästhetik begriffen wird und welche Rolle spielt der von Kant in der Kritik der Urteilskraft eingeführte Gedanke der Heautonomie in dieser Hinsicht?

Im zweiten Teil der Veranstaltung wollen wir uns in einem Seminargespräch dem Zusammenhang von ‚Haltung‘ und Ästhetik bei Hellmuth Plessner zuwenden. Seit den 1920er Jahren bekommt der Begriff der ‚Haltung‘ im Umfeld der Existenz- und Lebensphilosophie, der Philosophischen Anthropologie und Kulturanthropologie eine besondere Prominenz. Zwar nimmt er in den Schriften etwa Arnold Gehlens, Karl Jaspers oder Erich Rothackers keine systematische Position ein, dennoch aktualisiert die ‚Haltung‘ bei all diesen Denkern ethologische, behavioristische, anthropologische und ethische Fragen des Handelns und Verhaltens. Anhand des Essays Die Deutung des mimischen Ausdrucks. Ein Beitrag zur Lehre vom Bewußtsein des anderen Ichs (1923), wollen wir die ästhetische Dimension des Begriffs im (politischen) Kontext des frühen 20. Jahrhunderts diskutieren. Dabei soll auch die Frage aufgeworfen werden, welchen Unterschied es macht, sich der ‚Haltung‘ entweder auf konzeptioneller oder auf begrifflicher Ebene zu nähern.

Zur Person

Frauke Annegret Kurbacher ist Professorin für Ethik an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. In ihrer Arbeit unternimmt sie philosophische Reflexionen, die sich u.a. auf Philosophien des Subjekts und der Person, der Interpersonalitätstheorie, der Philosophischen Anthropologie, der Ethik und Ästhetik richten. Mit der ‚Haltung‘ beschäftigt Kurbacher sich seit ihrer Dissertation Selbstverhältnis und Weltbezug. Urteilskraft in existenz-hermeneutischer Perspektive (2005). Zusammen mit Philipp Wüschner hat sie den Band Was ist Haltung? Begriffsbestimmung, Positionen, Anschlüsse (2017) herausgegeben. Zuletzt erschien ihr Buch Zwischen Personen. Eine Philosophie der Haltung (2017).