téchnē. Techniken und Technologien des Literarischen

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Jahrestagung
Daum: 11.–12. November 2016
Ort: ICI Berlin

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Programm

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11.11.2016

Die diesjährige Jahrestagung der Friedrich-Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien stand im Zeichen der téchnē. In drei Panels und einer Podiumsdiskussion hat sich die Tagung das Ziel gesetzt, das vielschichtige Verhältnis zwischen Literatur und Technik zu untersuchen.

Die Direktorin der Graduiertenschule Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm eröffnete die Tagung, indem sie auf die Bedeutungsgeschichte des Technik-Begriffs verwies. War es für den Namensgeber der Schule, Friedrich Schlegel, noch möglich, der Dichtung die Funktion zuzusprechen, eine „technische Welt“ aus dem Wort zu generieren, erfuhr der Begriff im 19. Jahrhundert eine deutliche Verengung auf maschinelle und instrumentelle Prozesse. Diese engere Bedeutung unterhalte eine zweifache Beziehung zur Literatur; einerseits könne man, wie Gustav Freitag vorschlug, Technik als die formelle und handwerkliche Dimension von Texten begreifen. Inhaltlich jedoch scheine sich die Literatur zweifach mit Phänomenen der Technisierung auseinanderzusetzen; auf prophetische oder prospektive Weise, indem sie fiktive Modelle zukünftiger technischer Prozesse entwirft, oder in der Reflexion auf Veränderungen der Gesellschaft und des Weltbildes, die aus technischen Veränderungen resultieren und die – affirmativ oder kritisch – in poetischen Texten diskutiert werden können.

Letzteres bildete den Fluchtpunkt der Überlegungen, die das erste Panel (Literarische und kulturtheoretische Behandlungen von Technik und Technologien)zusammenführte, das unterschiedliche Formen literarischer Reflexion auf Technik vorstellte. Schlegelschul-Doktorandin Nadja Eckes analysierte die Technikkritik der poetologischen Essays Hilde Domins. Domin habe versucht, die Dichtung in Opposition zur Technisierung des gesellschaftlichen Lebens in der Moderne zu sehen. Das dichterische Wort, so Domin, sei ein Residuum des Unverfügbaren und Mehrdeutigen, das sich der „Außensteuerung“ und dem Konformismus einer alltäglichen funktionalen Sprache entgegenstelle.

Postdoktorand Dr. Martin Kindermann nahm den Leitfaden dieser Technikkritik auf und verschob den Untersuchungsrahmen auf den Beginn des 19. Jahrhunderts. Sein Vorschlag, Mary Shelleys Frankenstein mit der Tradition der Golem-Figur in Beziehung zu setzen, zielte darauf ab, das verbreiteten technikkritischen Verständnis des viktorianischen Schauerromans um eine wichtige Dimension zu ergänzen. Wie im Falle der Erschaffung des Golems bezieht Shelley, u.a. in Rekurs aufMiltons Paradise Lost, die Erschaffung des Monsters auf Motive aus der Schöpfungserzählung der Genesis. Die strukturelle Ähnlichkeit der Kreatur Frankensteins mit zweiten Schöpfungen aus den rabbinischen Midraschim und deren Auslegungsliteratur sei dabei frappant, wie Kindermann zeigen konnte. Im Hinblick auf die Textform ließe sich auch der Versuch unternehmen, die Komposition des monströsen Lebens mit der intertextuellen und polyphonen Organisation des Narrativs in Verbindung zu bringen.

Mit seiner Kritik an einem Fortschrittsnarrativ, das sich an einer rein technischen Optimierung ausrichtet, konnte das assoziierte Mitglied der Schlegelschule Giulia Cigna Pier Paolo Pasolinis Schriften in den Kontext der Veränderung der italienischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert stellen. Die Kritik verortete Cigna nicht nur auf der semantischen Ebene der Texte Pasolinis, sondern vor allem auch in seiner Poetik der pendelnden Zeiten und Raum-Zeit-Verschiebungen; in der Verschränkung unterschiedlicher temporaler und epochaler Ebenen widerstünden seine Texte einem linearen und teleologischen Geschichtsverständnis. Wo die lineare Ordnung des Fortschrittsnarrativs unterbrochen wird, schienen Pasolini in der Verschränkung von Vergangenem und Zeitgenössischem Möglichkeitsräume auf, die auf gesellschaftliche Befreiung abzielen.

In der Darstellung konservativer Technik-Kritik in der Philosophie der jungen Bundesrepublik schließlich wurde eine andere Spielart der Infragestellung technischer Fortschritte präsentiert. Dr. Tim Lörke, Postdoktorand an der Schlegelschule, verfolgte, wie sich ausgehend von Joachim Ritter eine wertkonservative und modernekritische Haltung gegenüber der Unübersichtlichkeit einer technisch veränderten Gesellschaft in einer Rückkehr zur Tradition niederschlägt. Die starke Opposition von Literatur und Geistesbildung zur Technik und zur Wissenschaft sollte dabei dem Mängelwesen Mensch verlorene Orientierung in einer überkomplexen Welt zurückgeben können. Zu zeigen, dass Odo Marquart und Arnold Gehlen dabei in ihren konservativen Forderungen nach einem starken Leitbild entgegen ihrer Darstellung nicht unmittelbar an Joachim Ritter anschließen, war dabei Lörkes besonderes Anliegen.

Auf das erste Panel folgte die Podiumsdiskussion, die sich dem Verhältnis von Technologie und Literaturwissenschaft widmete, das derzeit unter dem Schlagwort der Digital Humanities verhandelt wird.

Prof. Dr. Sybille Krämer, Philosophin an der Freien Universität Berlin stellte zunächst fest, dass die Schrift als Kulturtechnik in ihrer medialen Erscheinung immer schon immersiv sei und sich so als Gegenstand in seiner Funktion einem wissenschaftlichen Zugriff zunächst entziehe. Die Veränderungen, die sich durch Digitalisierungen einstellten, seien ohne die grundlegenden Charakteristika der Textualität nicht denkbar und ließen diese Bestimmung der Schrift unangetastet.

Prof. Dr. Thomas Weitin von der Technischen Universität Darmstadt hält die künftigen Veränderungen in der Literatur und den Philologien durch die zunehmende Digitalisierung für noch gar nicht abschätzbar. Zwar sei eine stärkere Einbindung der erwarteten Lesehaltung in den literarischen Produktionsprozess zu vermuten, eine wirkliche Tendenz wollte Weitin jedoch noch nicht skizzieren. Als Forscher, der direkt in Prozesse der Digitalisierung in den Geistes- und Literaturwissenschaften eingebunden ist, konnte er dabei seine Ausführungen an seine praktische Arbeit, der quantitativen Erschließung des „Deutschen Novellenschatzes“ von Paul Heyse, rückbinden. Die Methoden erlaubten, neue Erkenntnis aus dem automatisierten Vergleich umfangreicher Korpora zu gewinnen. Der Auffassung, dass diese Prozesse vor allem einen Zeitgewinn für die Bearbeitung von Quellen darstellten, erteilte er dabei eine Absage, da das Einpflegen umfangreicher Datenbanken noch immer nicht gut automatisierbar sei.

Prof. Dr. Hans Ulrich Gumbrecht von der Standford University, Mitglied des Internationalen Beirats der Schlegelschule, berichtete von persönlichen Erfahrungen aus Forschung und Lehre, was die fruchtbare Verquickung von Computer Science und Philologie sowie Kulturwissenschaft angeht, die sich im Silicon Valley bereits ereigne. Das Phänomen der Digitalisierung stelle eine der zentralen Fragen unserer Zeit, auf die die Wissenschaft unweigerlich eingehen müsse. So ergäben sich neue Begriffskonstellationen, die etwa die Rolle der Imagination zur Disposition stellt, wenn computergesteuerte Simulationen neue Zugänge zur Wirklichkeit eröffnen. Eine fundamentale Veränderung der Literaturwissenschaft durch digitale Methoden jedoch sieht Gumbrecht nicht; die quantitativen Methoden der digitalen Literaturanalyse seien vielmehr als großartiges neues Instrument zu integrieren.

Auch Prof. Dr. Christine Ivanovic von der Universität Wien machte deutlich, dass man das Verhältnis von Digitalität und Humanities noch genauer bestimmen müsse. Was sich offensichtlich verschoben habe, sei das Verhältnis zur Kulturtechnik Schrift. Durch Computer und durch die Vernetzung im Internet habe sich das Lesen verändert. Einerseits gehe mit der Digitalisierung eine Abkehr vom Text als geschlossener Einheit einher, zugleich werde der Text dabei selbst kommunikativ, indem er Reaktion provoziert und ermögliche. Die Literaturwissenschaften sollten sich von hier aus der Frage stellen, wie sich die vitale Funktion des Lesens und der Literatur als Phänomen in allen Kulturen und historischen Epochen beschreiben und in komparatistischer Hinsicht vergleichend erklären ließe. Der Versuch, diesen großen Fragen mit quantitativen Methoden zu begegnen, den sie in Anwendung auf das Oeuvre Ilse Aichingers unternommen habe, sei dabei (noch) nicht fruchtbar gewesen; es zeige sich vielmehr, das abstrakte Kategorien wie diejenige des Raumes sich nicht für die Erstellung von Vergleichskatalogen eignen.

Im weiteren Verlauf konnten die Diskutant*innen anhand vieler Fallbeispiele aufzeigen, dass das distant reading doch neue Erkenntnisse über Textbestände liefern kann. Dabei bliebe aber trotz aller technischen Erweiterungen die Textualität die Grundlage des gemeinsamen Zugriffs der Geisteswissenschaften. Um jedoch Frage- und Analysekategorien zu generieren, wird man weiterhin von schon bestehendem Wissen über die zu untersuchenden Korpora ausgehen müssen. Die Diskussion zeigte zuletzt auch die Grenzen und die Gefahren auf, die mit dem Vertrauen auf quantitative Methoden einhergehen. Auf die kritische Nachfrage von Prof. Dr. Krüger-Fürhoff, inwieweit sensible und komplexe Untersuchungskategorien wie Gender und Race von den Erhebungen in Betracht gezogen werden könnten, zeigte sich die Notwendigkeit einer kulturwissenschaftlichen Reflexion der Kategorien quantitativer Methoden, insbesondere, weil die Operatoren mit ihrer binären Logik drohen, hinter die Dichotomien überwindenden Errungenschaften feministischer und postkolonialer Ansätze zurückzufallen. Performativ überdeutlich wurde dies vorgeführt, als Hans Ulrich Gumbrecht die Möglichkeit zur Disposition stellte, anhand empirischer Untersuchungen ethnischer Gruppen Aussagen über deren Prädisposition zum Verfassen von Computercodes abzuleiten. Der erste Konferenztag endete mit entsprechenden Protesten aus dem Publikum.

 

12.11.2016

Dr. Marie-Christin Wilm, Postdoktorandin an der Friedrich Schlegel Graduiertenschule, leitete den Tag und das zweite Panel (‚Ars Poetica‘ – Techniken und Modelle literarischer Autorschaft und Wirkung) mit einer Reflexion von Hölderlins poetologischen Überlegungen ein. In dessen Betonung des Handwerksmäßigen und Technischen an der Poetik verweise Hölderlin auf eines der wichtigen übergreifenden Themen des Konferenztages: Die Frage nach der künstlerischen Notwendigkeit, Inspiration und Kreativität sinnvoll zu beschränken.

Prof. Dr. Caroline Torra-Mattenklott von der TU Aachen eröffnete das Panel mit ihrem Vortrag Die Maschine als poetologische Metapher in Sternes ‚Tristram Shandy‘. Bei Sterne fungiert, ebenso wie bei Goethe in den Wahlverwandtschaften, eine Referenz an Lucians ‚Hermotimus‘ als poetologische Metapher. An Hephaistos‘ Menschen wird darin kritisiert, dass der Kreatur ein Fenster fehle, durch das man ins Innere schauen könne, um zu sehen, was ihn bewegt. Im Tristram Shandy erzeuge das selbstreflexive Ausprobieren dieser Seelenfensteridee nun einen performativen Selbstwiderspruch, wenn der Roman Seelenzustände beschreibt und gleichzeitig die Unmöglichkeit einer solchen Innenschau behauptet. Indem Torra-Mattenklott weitere Metaphern analysierte, die Sterne zur poetologischen Metareflexion nutzt, konnte sie zeigen, wie diese zur „operativen Visualisierung“, zur Konkretisierung komplexer und abstrakter Phänomene eingesetzt werden. Mit der auffällig mechanischen Metaphorik gehe in Sternes Roman eine poetische Neuerung hervor, die bereits Šklovskij betonte, nämlich die weitgehende Offenlegung des poetischen Verfahrens, wobei diese Form der Selbstbezüglichkeit zu einer kunstvollen Entschleunigung des Lesevorgangs führen. In der Diskussion betonte Torra-Mattenklott den Unterschied zwischen mechanisch inspirierten poetologischen Metaphern und den im 19. Jahrhundert exponentiell erfolgreich werdenden Science Fiction-Romanen mit ihren teils ausufernden Technikbeschreibungen.

Dr. DS Mayfield von der Freien Universität Berlin entwickelte in seinem Vortrag Virtuosity and Effectuality. Literary Techniques of Manipulation einen Begriff der Manipulation, der sich, auf Nietzsche beruhend, durch die Literaturgeschichte ziehe. Seine Übersicht setzte bei Machiavelli an, der nicht nur das Manipulieren lehre, sondern selbst manipuliere, indem er etwa Bibelstellen falsch zitiert, damit sie in seinen Argumentationszusammenhang passen. An Graciáns Oráculo manual y arte de prudencia analysierte Mayfield die Nutzung von Adjektiven und deren Wiederholungen, bevor er Poes und Valérys Elaborationen einer Rhetorik der Manipulation untersuchte. Seine Schlussprovokation „Manipulation is the nature of art, art is the nature of man” eröffnete eine lebhafte Diskussion über den Status von Kunst und den Begriff der Manipulation überhaupt.

Dr. Bernhard Metz, Postdoktorand der Schlegelschule, sprach über ‚l’écriture comme pratique comme travail, comme jeu‘. Contraintes bei Raymond Queneau und OuLiPo. Kern seines Vortrags war die Balance der Denkfiguren poeta faber und poeta vates. Inwieweit ein handwerkliches Einüben in die téchnē des Schreibens erst Inspiration und Kreativität (als moderne Formen göttlicher Eingebung) ermöglicht, ist eine Frage, die bei den französischen Schriftsteller*innen der OuLiPo virulent wird. Metz zeigte in zahlreichen Beispielen, welche selbstauferlegten Einschränkungen (nur bestimmte Vokale verwenden, Aleatorik als textgenerierendes Mittel nutzen, oft auch: die Einschränkung verbergen und gerade nicht herausstellen) die Schriftsteller nutzten und nutzen, um ihre kreative Energie nicht durch zufällige Inspirationsmomente determinieren zu lassen, sondern gleichsam technisch in souverän bestimmte Bahnen zu lenken.

Das dritte Panel Interferenzen / Konvergenzen von Literatur – Medien – Technik wurde durch Lisa Müllers Vortrag ‚poesia ex machina‘ – Apparative und algorithmische Lyrikproduktion eröffnet. Die Doktorandin der Schlegelschule stellte Hans Magnus Enzensbergers Poesieautomaten vor, der heute im Foyer des Literaturmuseums der Modere in Marbach fast unendliche Gedichtvariationen erzeugt. Einem kurzen Abriss der Geschichte technischer Versuche, das Phantasma sich selbst schreibender Texte zu realisieren, folgte eine Diskussion der Frage, was an diesem Automaten eigentlich das Kunstwerk sei. Müllers Haltung, die Maschine sei als interaktive Performance eine Art Gesamtkunstwerk, wurde in der Diskussion zugestimmt. Diese bot weiterhin Gelegenheit, noch einmal über die Podiumsdiskussion vom Vorabend zu sprechen, insbesondere über die Kategorien, nach denen man Literatur (ob digital-technisch oder nicht) befragt, da diese hochgradig kulturell abhängig sind und weiterhin kulturwissenschaftliche Reflexion benötigen.

Mit Sakine Weikerts Vortrag „I was blind, but now I see.“ Poetische Interventionen als Verflechtungen von Literatur und Fotografie in Teju Coles ‚blindspot‘ endete die Tagung. Die Doktorandin der Schlegelschule stellt das Instagram-Projekt #blindspot des New Yorker Künstlers und Schriftstellers Cole vor. Sie wählte aus den recht unverbundenen 150 Einträgen Coles fünf aus, um daran die ambivalente Kunst des Autors zu analysieren, deren Ästhetik vor allem aus starken Text-Bild-Scheren erwächst.


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